Mittwoch, 28. Juni 2006
Straßenfußball ohne StraßenfußballerInnen
"streetfootballworld – ein Netzwerk für den Straßenfußball

Am Strand von Rio, in den Vororten Nairobis, auf Bolzplätzen in Berlin - Straßenfußball ist überall. Wer keinen Ball hat, spielt mit Plastikbündeln oder Blechdosen. Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – darunter immer mehr Mädchen - sind Straßenkicker. streetfootballworld bringt sie zusammen: Gemeinsam mit der Stiftung Jugendfußball von Jürgen Klinsmann vernetzen wir Straßenfußball-Projekte rund um den Globus. Es geht um den Spaß am Kicken. Und um das Gute am Ball: um Teamgeist, globales Lernen, Gewaltverzicht. Es geht um Fußball als Medium für soziale Entwicklung, um Fußball als Kulturvermittler."


preist streetfootballworld seine WM der StraßenfußballerInnen an. Und wird darin von der Bundesregierung unterstützt. Eingeladen sind Mannschaften aus der ganzen Welt. Die taz berichtet:

"Die Mannschaften wurden von Sozialprojekten vor Ort zusammengestellt. Die Spieler arbeiten bei Projekten gegen Gewalt, Drogen und Rassenhass oder Aids mit. Viele der jungen Kicker kommen aus wenig gefestigten Familienverhältnissen."

Und genau das ist jetzt zum Problem geworden. Die Teams aus Ghana und Nigeria haben keine Visa bekommen.

"Ausgerechnet die fehlende "Verwurzelung im Heimatland" nennt das Auswärtige Amt nun als einen Grund für die Ablehnung der Visa-Anträge. Offenbar rechnete die Behörde damit, dass die Jugendlichen aus Nigeria und Ghana in Deutschland bleiben wollten."

Deutschland beweist so wieder einmal, wen es als Gast freundlich aufnehmen will und wen nicht. Eigentlich ist weniger die Verweigerung der Visa verwunderlich als die Tatsache, dass manche Teams aus dem Süden sie bekommen haben.

Nachtrag 29.06.06: Die Teams bekommen keine Visa, weil die Bundesregierung fürchtet, dass Straßenfußballer aus Ghana und Nigeria Profikicker werden wollen ....

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Die Deutschen und die Anderen
In der Berichterstattung über den Nationalpreis an die Herbert Hoover-Realschule beschreibt Alke Wierth in der taz ihre drei Interviewpartner:

"Tufan ist Türke, Cebrail Kurde und Asad, der von Geburt an Deutscher ist, spricht Urdu, die Sprache der pakistanischen Heimat seiner Eltern."

Das wären dann drei unterschiedliche 'Kulturen' zu denen sich diese drei Jungen zuordnen bzw. zugeordnet werden. Die drei sind verbunden mit drei unterschiedlichen Sprachen (Türkisch, Kurdisch, Urdu), drei unterschiedlichen Formen des Islams (die Ahmadiyas aus Pakistan werden zum Beispiel von den meisten Muslimen als häretisch abgelehnt und zum Teil auch gewaltsam verfolgt), drei unterschiedliche 'Traditionen', etc. Die einzige gemeinsame Sprache, die diese drei haben ist Deutsch. In keiner anderen werden sie sich verständigen können.

Trotz all dieser Unterschiede und der letzten Gemeinsamkeit werden sie als eine Einheit im Gegensatz zu den 'Deutschen' gesehen. Wierth schreibt:

"Deutsche Freunde haben die drei kaum: "Es gibt hier ja kaum Deutsche", sagt Cebrail."

Damit ist dann schon mal klar gemacht, dass die drei (selbst der deutsche Staatsbürger Asad) keine 'Deutschen' sind. Und weiter zitiert Wierth:

" Mit dem Begriff Parallelgesellschaft können sie etwas anfangen: "Man lebt schon in zwei verschiedenen Welten", meint Asad."

Auch wenn Asad, da wahrscheinlich von seinen zwei Welten spricht, also der pakistanisch-ahmadiya-migrations- und ausgrenzungsgeprägten Welt in seinem Elternhaus und der ausserhalb, suggeriert Wierths Artikel das die eine Welt die 'deutsche' ist und die andere die der 'AusländerInnen' allgemein. Sie sagt:

"Ihre Welt - damit verbinden die drei Dinge: ...Die Welt der Deutschen dagegen ..."

Aber was ist den "ihre Welt" jenseits der gemeinsam erlebten Ausgrenzungen? 'Ihre Welten' sind voneinander so unterschiedlich wie die der 'Deutschen', was immer die auch sein soll(en).

Durch solche dichotomen Darstellungen werden erst die homogene Welt der 'Deutschen' und die der 'AusländerInnen' geschaffen, und damit wird die Abgrenzung und Ausgrenzung zementiert.

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Rechte für Illegalisierte
Die Grünen und die Linkspartei haben einen Gesetzentwurf eingebracht, um die Rechte von Illegalisierten zu sichern, ihnen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu gewährleisten und sie besser vor Ausbeutung zu schützebn. Erfolg werden sie damit wohl nicht haben. Zu gerne werde Illegalisierte zu VerbrecherInnen stilisiert. Und zu wirtschaftlich vorteilhaft ist ihr rechtloser Status. Symbolisch wichtig ist dieser Schritt trotzdem.

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Sonntag, 25. Juni 2006
Piefke
Piefkes werden hier nicht gerne gesehen. Sie haben ihre Nase zu weit oben, haben die Nazis gebracht und noch so einiges. Und als Piefke fällt eine schnell auf. Die Sprache verrät eine. Es heisst Sessel, Obi gesprizt, Marillen. Und zum Kartoffelpuffer gibt es natürlich kein Apfelmus. Es ist schon spannend, wie unterschiedlich die gleiche Sprache sein kann. Und noch spannender wie alle der Meinung sind, sie sprechen die einzig richtige Form. Die Wienerin meinte, na die beiden hören sich doch sehr ähnlich an, haben den gleichen Akzent. Die Piefkes lachen sich tot, das ist doch kein Akzent, das ist doch das 'richtige' Deutsch.

Die 'ÖsterreicherInnen', höre ich, sollen sehr patriotisch sein, und auch die Piefkes diskriminieren. Das mag schon unangenehm für letztere sein. Sicher. Würde mich auch nerven, immer auf irgendeinen unterstellten 'nationalen' Charakter reduziert zu werden. Aber die Piefkes sind natürlich überhaupt nicht besser. Die finden die 'ÖsterreicherInnen' drollig, nehmen sie nicht ernst, argumentieren, dass das Wort Mücke doch mehr Sinn macht als das Wort Gelse. Und sie laufen anlässlich der WM auch hier in Wien mit Deutschlandfahnen durch die Gegend. Wirklich gefährlich scheint das nicht zu sein. Auch wenn die Piefkes hier nicht gemocht werden, so droht doch nicht der Baseballschläger.

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Mittwoch, 21. Juni 2006
No-Go-Realität
Ein Junge, der 'Äthiopier' genannt wird, wird zusammen geschlagen. Er hat sich offensichtlich nicht daran gehalten, bestimmte Ecken und Tageszeiten zu vermeiden, denn da wo er war, wurden gerade NPD-Aufkleber geklebt. Die Fussballerin Navina Omilade versucht, vorsichtiger zu sein:

taz: Kurz vor der WM wurde heftig über No-Go-Areas diskutiert, also Orte, die Menschen mit dunkler Hautfarbe wegen rechter Schläger besser meiden sollten. Was denken Sie darüber?

Omilade: Die Diskussion ist berechtigt. Es gibt Regionen, die ausländisch aussehende Menschen meiden, weil sie Angst haben. Für Menschen mit anderer Hautfarbe wie mich ist das aber keine neue Erkenntnis. Man erzählt sich eben, du, geh da besser nicht hin.

taz: Es gibt für Sie also in Potsdam Orte, an denen Sie zu bestimmten Zeiten nicht hingehen?

Omilade: Meistens bin ich mit dem Auto unterwegs, entsprechend muss ich mir weniger Sorgen machen. Aber zu Fuß würde ich nachts schon einige Viertel meiden. Ich muss es ja auch nicht provozieren.


Hoffentlich gelingt es ihr auch weiterhin. Der Engländer Noel Martin zahlt mit seinem Leben für einen Aufenthalt in Deutschland. Allein im April gab es nach offziellen Angaben 55 rechts motivierte Gewalttaten.

Rassismus gibt es natürlich auch woanders, z.B. in Ecuador. Und auch im Berliner Ethnologischen Museum:

Sogar eine programmatische Brücke zum WM-Konzept des Ethnologischen Museums findet sie noch:. "Eigentlich sind die Brasilianer auch mal Afrikaner gewesen."

Die 'Deutschen' auch?

Nachtrag 22.06.06: "Auf einer Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste über rechte Gewalt in Deutschland herrschte gar keine patriotische WM-Laune."

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Weltflüchtlingstag
Gestern war Weltflüchtlingstag, den hat Schäuble dazu benutzt, dass 'wir' mehr 'Rückfuhrüngen' brauchen, "weil wir sonst die Geschäftsgrundlage der Schleuserbanden fördern". Es ist doch schön, wenn 'unser' Innenminister sich so um die Flüchtlinge sorgt. Das Auswärtige Amt sorgt sich mit und verweigert schon mal gerne Visa ohne jegliche Begründung. Und Körting schiebt fleissig weiter diejenigen ab, die es doch nach Deutschland geschafft haben:

Der zuständige Mitarbeiter der Ausländerbehörde habe ihm mitgeteilt, dass seine Enkelkinder erst dann einen sicheren Aufenthaltsstatus bekämen, wenn er als Vormund ein Einkommen von 3.000 Euro und außerdem 20 Quadratmeter Wohnfläche für jedes Kind nachweisen könne. Für Milos S., der als Gastarbeiter nach Berlin kam und über eine unbefristete Niederlassungserlaubnis verfügt, sind das unerfüllbare Bedingungen: Der 60-Jährige ist Rentner.

Überdies habe der Beamte, so S. zur taz, ihm vorgeschlagen, er könne doch mit den Kindern nach Bosnien gehen, wenn er verhindern wolle, dass sie dort in ein Heim kämen. "Ich würde alles für meine Enkel tun, aber das nicht." Denn die Kinder gehörten hierher: "Sie sind gute Deutsche!"


Warum nur spricht Bernd Msovic bei soviel Sorge 'unserer' Innenminister um die Flüchtlinge in seinem Kommentar von Zonen der Rechtlosigkeit? Immer diese Gutmenschen, die Rechte auch für 'Illegale' einfordern. Das geht dann doch zu weit.

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Dienstag, 20. Juni 2006
Alltägliches
"hallo liebe leute,
hier drei schöne rassismusanekdoten aus der letzten woche:

1. eignungsprüfung an einer hochschule:
begrüßung durch die sekretärin an die 12 köpfige gruppe (alles deutsche): "herzlich willkommen auch an die drei exotinnen unter uns"
gemeint waren eine deutsch-iranerin, eine deutsch-asiatin (weiß leider kein genaues land) und ich.

2. auswahlworkshop einer politischen stiftung:
es gab vier gruppen a 9 leute, in denen die berühmten gruppendiskussionen unter beobachtung stattfinden sollten. ich fand mich auf der liste der
gruppe, in der nur menschen mit ausländischem namen waren. einige "wirkliche ausländer" (austauschstudenten aus lateinamerika) und mehrere mit migrationshintergrund: eine deutsch-iranerin, ein deutsch-iraker, eine deutsch-polin, eine frau mit serbischem namane (ihr opa war serbe...) und
ich. auf meine frage hin wieso es eine gruppe gäbe, in der nur menschen mit ausländischem namen seien:
- 1. antwort: zufall, 2. antwort: interkulturelle erfahrung als auswahlkriterium.
das thema der gruppendiskussion war: wie mit der hamas-regierung umgehen. es sollte wohl beobachtet werden, wie wir über ein so brisantes emotional
aufgeladenes thema diskutieren. in meinem feedback wurde mir gesagt, ich wäre ja sehr emotional in das thema involviert, hätte oft nonverbal kommuniziert und nicht sachbezogen argumentiert.
das wars dann wohl mit dieser stiftung

3. mein argentinischer freund und ich fahren am grunewaldsee fahrrad. es ist sehr voll mit hunden und hundebesitzerinnen. mein freund muss einem
hundebsitzer haarscharf ausweichen, der schreit uns hinterher: "du zigeuner, kannst nicht richtig fahrrad fahren"

wollte euch an diesen schönen erlebnissen teilhaben lassen. frage mich, ob es zufall ist oder einfach durch erhöhte sensibilität wahrgenommen."


Soweit die mail einer Freundin, die ich anonymisiert habe für diesen Eintrag.

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Montag, 19. Juni 2006
masala.de
masala.de

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Montag, 19. Juni 2006
Ausgebootet
Dominic Johnson und Francois Misser beschreiben in der taz wie die Europäische Union mit ihrer Förderpolitik, 'afrikanischen' FischerInnen die Lebensgrundlage zerstört:

"Eigentlich leben die meisten Küstenstädte Westafrikas, von Marokko bis hinunter nach Guinea, von der Fischerei. Diese 2.000 Kilometer Atlantikküste beherbergen eine der letzten großen Fischreserven der Welt. In Senegal stellt der Sektor laut Regierung 15 Prozent aller Arbeitsplätze und erwirtschaftet ein Drittel der Exporteinnahmen; Fisch ist ein beliebtes Grundnahrungsmittel. Aber seit mindestens zehn Jahren, so warnen Umweltschützer, werden die westafrikanischen Gewässer systematisch überfischt. Maximal 420.000 Tonnen Fisch dürften aus Senegals Territorialgewässern jährlich geholt werden, um die Bestände zu erhalten, sagte die Regierung Ende der 90er Jahre; real seien es durchschnittlich 450.000. Bis 2002 sank die Fangmenge auf 374.000 Tonnen. Exportiert von Senegals Fisch wird rund ein Viertel, zumeist nach Europa; der Rest wird vor Ort gegessen.

Das Problem: Zu den Kleinbooten der afrikanischen Fischer kommt die industrielle Fischerei aus Europa. Die EU, deren eigene Gewässer zu großen Teilen bereits leer gefischt sind, schickt ihre hoch subventionierten Fischereiflotten immer öfter vor die Küste Afrikas und kauft den betroffenen Regierungen Fischereirechte ab."

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WM, Stereotype und Verharmlosung
Die WM scheint die ideale Angelegenheit zu sein, um altbewährte Sterotype aufzufrischen und nochmal zu präsentieren - zumindest in der taz. Die bringt täglich acht Sonderseiten zur WM. An diesem Wochenende beginnen diese mit dem Blick in ein Dekollete und widmet sich der Frage, ob Frauen anders sind. Im Blog zu den Sonderseiten fragt ein Nutzer:

"Muss die taz wirklich mit dieser Frage diese sexistischen Klischees aufgreifen? Ist WM-Bloggen mit der taz doof - für alle?"

Aber nicht nur Sexismus wird hier saloonfähig, auch von Rassismen wimmelt es nur so. In dem Artikel über den brasilianischen Torhüter Dida häufen sich Formulierungen wie "einer lächelnden Rasse", "das erste multirassische Team" und "Rassentoleranz". Auch wenn der Autor Alex Bellos sich von all diesen Stereotypen abgrenzt und im weiteren Verlauf des Artikels auf Rassismus eingeht, werden hier zu Beginn unkommentiert 'Rassebegriffe' reproduziert. Wahrscheinlich geht diese Häufung des Begriffs 'Rasse' darauf zurück, dass der Autor 'Brite' ist und im Englischen der Begriff 'race' benutzt wird. Das entschuldigt es aber nicht. Dieser Begriff sollte gar nicht benutzt werden, er reproduziert die Idee, dass es 'Rassen' tatsächlich gibt und legitimiert damit Rassismus.

Letzten Dienstag schon gab es eine Seite über korrupte Fußballverbände in Afrika. Was sicher ein Problem ist, noch sicherer aber nicht nur ein 'afrikanisches'. Da aber Chaos gut in die 'deutschen' Afrikabilder passt, sollte die Berichterstattung hier vielleicht etwas vorsichtiger sein und einen solchen Artikel in eine Reihe mit anderen über Korruption in 'europäischen' Verbänden stellen, anstatt nur auf 'Afrika' zu fokussieren.

Befremdlich ist auch ein bisschen wie stark nun Klose und Podolski zu Polen geschrieben werden (zum Beispiel am letzten Mittwoch unter dem Titel "Sein Heimspiel"). Das sind 'deutsche' Nationalspieler und es ist gut zu zeigen, dass 'Deutsche' etwas vielfältiger sind als die 'Deutsche' gemeinhin denkt. Wenn das aber dazu führt, die 'Deutschen' zu 'Polen' zu machen, ist das Ziel eindeutig verfehlt. Am gleichen Tage wurde zudem im Artikel "Emigrierte Stars" ein Nazikollaborateur als armes Opfer der Verhältnisse dargestellt, was wohl auch etwas verfehlt ist.

Interessant auch, dass kaum über pöbelnde Fans geschrieben wird und wenn doch, dann der Bericht sehr verharmlosend ist, wie zum Beispiel letzten Freitag "Erstmals Randale", der zu Anfang beschreibt:

Doch je näher der Anstoß rückte, desto ungemütlicher wurde die Atmosphäre. "Spargelstecher, Erdbeerpflücker", schallte es den polnischen Fans entgegen. Auch er Brunnen auf dem Alten Markt wurde plötzlich zur "No-Go-Area".

und endet:"Ohne Polen fahr'n wir nach Berlin", sangen sie lautstark. Doch selbst das konnte niemanden mehr provozieren.

Es ist alles halt doch nicht so schlimm, 'wir' lassen uns den Spaß nicht verderben. Eine klar rassistische Tat landet daher Freitag sogar nur in einer Kurzmitteilung:

Jungmänner, Fahren schwarzrotgold, ein Londsdale-Sweatshirt, befeuert von einer Allianz aus Adrenalin, Alkohol und Testosteron. "Ihr könnt nach Hause fahr'n", skandieren sie. Adressat: drei polnische Päärchenin Rotweiß, allerhöchstens 20 Jahre alt. Sie lachen, sie sind zu Gast. "Ihr könnt nach Hause fahr'n", immer wieder, un einer der Gastgeber reckt den rechten Arm zum deutschen Gruß."

Nachtrag 03.07.06: Es geht weiter mit Hitlergrüßen und ähnlichem:

"Singt hier jetzt schon ein Bimbo für den anderen?"

Aber das ist ja alles ganz harmlos .... und positiv patriotisch.

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Vergangenheitsbewältigung
Wir 'Deutschen' rühmen uns ja gerne unserer Vergangenheitsbewältigung. Damit meinen wir die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und mittlerweile auch der DDR. Zwei Systeme, die zusammen gebrochen sind. Zweimal gab es Zwang von außen, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Und das war gut so. Es gibt allerdings nicht immer so viel Zwang, die Verbrechen der Vergangenheit aufzuarbeiten. Seine Kolonien hat Deutschland zwar als Folge des Ersten Weltkriegs verlorgen, aber niemand zwang hier zu einer Aufarbeitung. So fehlt bis heute jede offizielle Entschuldigung gegenüber den gewaltsam Kolonisierten, Umgebrachten und Ausgebeuteten. Der hunderste Jahrestag des Genozids an den Herero 2004 hat zwar zu kleinen Schritten geführt, aber ausreichend sind sie noch lange nicht: Keine Versöhnung zur Versöhnungsinitiative.

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Dienstag, 13. Juni 2006
Strukturelle Diskriminierung
Auch während der WM wird weiter abgeschoben. Heute schafft es die Geschichte von Hee-Seo Jin in die taz. Sie illustriert sehr gut, wie die strukturelle und systematische Diskriminierung von nicht-deutschen StaatsbürgerInnen im deutschen Gesetz verankert ist. Die Forderungen, die das 'Ausländergesetz' an Hee-Seo Jin stellt, kann sie gar nicht erfüllen.

Dass MusikerInnen, KünstlerInnen, etc. in der Regel keine festen Anstellungen bekommen und tendentiell in prekären Verhältnissen leben, ist sicher ein Problem. Es lässt sich aber nur sehr unzureichend dadurch beheben, dass 'ausländische' Freischaffende abgeschoben werden.

Nachtrag 24.07.06: Mehr über die gut-integrierte, deutsch-kultivierte Dirigentin in der taz, die eine Reihe von UnterstützerInnen hat:

"Neuerdings steht Michael Gahler, ein EU-Abgeordneter der CDU, auf ihrer Unterstützerliste. Jins Fall nennt er einzigartig. Das stimmt, weil jedes Schicksal einzigartig ist. Er hat einen Brief an den Innenminister Wolfgang Schäuble geschrieben. Darin beklagt er, dass gegen Islamisten keine Handhabe gefunden werde, sie auszuweisen, wohl aber gegen eine, die die deutsche Kultur liebt. "Manchmal hilft es, wenn eine so hartnäckig ist wie sie", meint er."

Dieses islamophobe, menschenfeindliche Argument zeigt, wie unmöglich 'Integration' in Deutschland ist. Selbst die, die sich 'integrieren', sollen abgeschoben werden. Auch wenn das dann dem einen oder anderen leid tut.

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Fahnen schwenken
Fahnen, überall Fahnen. Egal wohin ich schaue. Auf Autos, an Fahrrädern, in Schaufenstern, an Balkonen, in Händen, Fenstern, in der Krankengymnastikpraxis, auf Köpfen, in Gesichtern. Überall Fahnen.

Ausserdem: "Deutschland, Deutschlaaand"-Rufe, gelegentlich auch "Deutschland den Deutschen - Ausländer raus", gerne auch mal der Hiltergruß, oder aber als Kommentar zum Sieg der deutschen Männermannschaft vom Freitag "Die Wehrmacht hat gesiegt".

Überall auch Fernseher, auf Bürgersteigen, in (fast) jedem Cafe, Restaurant. Davor Menschen, die darauf starren. Kollektiver WM-Taumel.

Gestern vor einem WM-freien Cafe: Eine Gruppe will WM schauen, eine Cafebesucherin weisst sie darauf hin, dass sie da woanders hin müssen. Einer aus der Gruppe zu ihr: "Wohl WM-geschädigt?" Sie zu ihm: "Wir nicht, aber ihr!"

Zu erklären ist dieser Tage aber nicht der WM-Taumel, sondern die Opposition dazu. Täglich mehrere Diskussionen: in meinem Seminar, mit meiner Krankengymnastin, mit FreundInnen, MitbewohnerInnen, Nachbarn. Und immer wieder: das ist doch nicht schlimm. Die Fahnen sind doch unschuldig. Sogar in der taz berlin gestern hält Uwe Rada, das Verbot von Deutschlandfahnen an Polizeifahrzeugen für die "erste WM-Posse" und führt aus:

"Aber glaubt im Ernst einer, sie würden einen randalierenden Fan anders behandeln, nur weil eine Deutschlandfahne an der Wanne wedelt."

Nein, das glaubt eine nicht. Die Gefahr schlechter behandelt zu werden, hat ein Schwarzer auch dann wenn keine Deutschlandfahne da wedelt. Aber eine glaubt im Ernst, dass einer noch mulmiger wird, wenn sie Deutschlandfahnen an den Wannen sieht. Was macht eine denn, wenn sie eine rassitischen Überfall oder eine Diskriminierungserfahrung anzeigen will und sieht bei der Polizei die gleichen Symbole?

Rada scheint auch zu glauben, dass das Ignorieren von Hitlergrüßen ein gutes Zeichen ist:

"So wagte am Freitagabend auf der Fanmeile eine kleine Gruppe offensichtlich rechtsextremer Jugendlicher ab und zu den Hitlergruß. Gleichwohl gingen Gesten wie diese fast unter. Die Fans ignorierten die Rechten ..."

Verfassungsfeindliche Symbole zu ignorieren, zeugt nicht von etwas Positiven. Sie müssen verfolgt werden. Nicht toleriert. Denn auch wenn viele sie vielleicht ignorieren können, fühlen sich andere durch sie massiv bedroht. Die letzteren brauchen Unterstützung, sie brauchen die Gegenwehr.

Eine meiner Studentinnen rief bei einem solchen Erlebnis letzten Freitag spontan: "Arschloch". Ihre Freundin war besorgt um sie, leicht hätte die Situation eskalieren können. Den Hitlgergrußzeigenden wird sie damit nicht geläutert haben, aber sie hat den allgemeinen Konsens gebrochen. Das ist wichtig.

Bei der Männer-WM geht es nicht um Fussball (zumindest nicht für die meisten). Es geht um Zugehörigkeit zu einer Nation (und damit die Abgrenzung zu anderen). Nationen sind die Grundlage für gewaltsames Vorgehen gegen andere Nationen und gegen Individuen, die aus der Nation ausgesondert werden.

Nationalfahnen sind nicht unschuldig. Sie stehen für die Ideologie der Nation. Egal welcher. Ich mag keine Fahnen, keine deutsche, keine indische, keine brasilianische. (Wobei natürlich im Namen der deutschen mehr Unheil angerichtet wurde als im Namen von ehemals Kolonialisierten.) Fahnen, in den Massen wie sie gerade geschwenkt werden ekeln mich nicht nur, sie bereiten mir ein ganz mulmiges Gefühl. Und nicht nur mir, auch annabexis und yeahpope haben schon zum Nationaltaumel anlässlich der Männer-WM geschrieben.

Nachtrag 18.06.06: Die Medien überschlagen sich ja geradezu, ob der friedlichen WM und dem positiven Fahnenschwenken. Der Tagesspiegel, die taz, die Junge Freiheit. Nur seltsam die so in einer Reihe zu lesen. Sollte es nicht ein bisschen zum Nachdenken anregen, wenn die Junge Freiheit das Fahnenschwenken als ein gutes Zeichen sieht?

Und es gibt übrigens auch noch Teile Deutschlands, die nicht ganz in schwarzrotgold getaucht sind. In Dresden habe ich in den letzten Tagen erfreulich wenige Fahnen gesehen.

Nachtrag 20.06.06: Zum schwarzrotgoldenen Patriotismus lohnt sich auch ein Besuch beim bildblog.

Nachtrag 22.06.06: Während sich alle nach wie vor in Freudentaumel über die ach so patriotisch-friedliche WM ergehen, werden nach wie vor der Hitlergruß von Fans gezeigt.

Nachtrag 28.06.06 Zur allgemeinen Verwunderung flaggen auch 'Andere Deutsche' schwarz-rot-gold und ziehen "Deutschland Deutschlaaand" rufend durch die Kieze. Viele interpretieren das nun als geglückte Identifikation mit Deutschland. Andere sind da skeptischer:

Muharrem Aras, Rechtsanwalt und Vorsitzender eines Vereins türkischstämmiger Sozialdemokraten, ist skeptischer. Er habe das Gefühl, "eine Entwicklung verpasst zu haben", wenn er seine Deutschlandfahnen schwenkenden türkischstämmigen Landsleute sehe, sagt Aras. Der 34-Jährige, selbst aktiver Fußballer, drückt Argentinien die Daumen: "Ich war immer gegen die deutsche Nationalmannschaft", erzählt Aras. Denn der DFB sei für ihn "die letzte deutsche Hochburg": "Es hat unheimlich lange gedauert, bis auch mal ein paar Migranten in die deutsche Nationalelf gekommen sind." Insbesondere Türkischstämmige hätten bis heute kaum Chancen. Die neue nationale Begeisterung vieler türkischer Migranten für die deutsche Mannschaft sieht er eher mit Beunruhigung: Er findet "Fahnenschwenken generell nicht so doll". "

Nachtrag 30.06.06: Neues aus Berliner Abgeordnetenhaus:

"Als die CDU-Abgeordneten gestern zu ihren Plätzen im Parlamentsplenum gingen, standen auf den 35 Tischen kleine schwarz-rot-goldene Papierfähnchen, eingepflanzt in winzige Blumentöpfchen, die in den 80er-Jahren den Neid der Alternativen Liste erzeugt hätten. Doch wollte die Union laut einem Sprecher ein "Bekenntnis" zur deutschen Nationalmannschaft vor dem heutigen WM-Viertelfinalspiel ablegen und zeigen, dass sie "gute Patrioten" seien. Demokratie-Liebe offenbart sich bekanntlich am besten im kollektiven Präsentieren kleiner Winkelemente.

Nachtrag 21.07.06: Die Hitze macht auch Schönbohm zu schaffen.

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