Sonntag, 1. Oktober 2017
Migrationshintergrund - sagt nicht viel aus
Der Mediendienst Integration hat recherchiert, wie viele der neuen Bundestagsabgeordenten einen Migrationshintergrund haben. Die Recherche illustriert viele Schwierigkeiten.

Die Beginnen bei der Datenerhebung, denn Angaben zum Migrationshintergrund werden von den Parteien (aus guten und weniger guten Gründen) nicht systematisch erhoben. Also musste der Mediendienst biografische Angaben, etc. auswerten, um zu Aussagen zu kommen. Keine ganz verlässliche Quelle.

Herausgekommen ist dann folgende Statistik:

"Die Linke hat mit 18,8 Prozent den höchsten Anteil an Abgeordneten mit Migrationshintergrund, bei den Grünen haben 14,9 Prozent der Parlamentarier einen Migrationshintergrund, in der SPD sind es 9,8 Prozent, der Anteil der Abgeordneten mit Migrationshintergrund in der AfD liegt bei 7,5 Prozent, bei der FDP sind es 6,3 Prozent, mit 2,9 Prozent in der CDU/CSU-Fraktion sind hier anteilig die wenigsten Menschen mit Migrationshintergrund vertreten."

Dass die CDU/CSU-Fraktion die wenigsten hat, während die Linke und die Grünen die meisten erscheint auf den ersten Blick nicht verwunderlich. Überraschender wirkt da schon, dass der Anteil bei der AfD bei 7,5 % liegt. Aber was sagen, diese Zahlen eigentlich aus? Wenig. Und das aus mehreren Gründen.

Mensch mit Migrationshintergrund wird (in linken Kreisen) häufig als Mensch mit Rassismuserfahrung gelesen. Das hat aber nicht viel mit einander zu tun. Die statistische Kategorie Mensch mit Migrationshintergrund bringt sehr unterschiedliche Kategorien zusammen. Der Mediendienst schreibt dazu:

"Über ein Drittel der Abgeordneten mit Migrationshintergrund hat Bezüge zu Ländern der Europäischen Union. 14 Parlamentarier haben eine türkische Migrationsgeschichte. Mit Karamba Diaby sitzt weiterhin ein Afrodeutscher im Bundestag."

Und auch das ist noch unterkomplex. Bei jenen mit Bezug zur EU gibt es einige, die aus westeuropäischen Ländern kommen und vermutlich keine bis kaum Rassismuserfahrungen in Deutschland machen. Dann gibt es aber auch eine Reihe, die Bezüge zu Südost-/Osteuropa haben und ganz andere Erfahrungen machen.

Der Verweis auf den Migrationhintergrund der Abgeordneten sagt also sehr wenig über die Erfahrungen dieser Abgeordneten und ihr Selbstverständnis aus.

Zudem sagt er nichts über ihre politische Positionierung aus. Und hier komme ich auf den überraschend hohen Anteil von MmMs bei der AfD zu sprechen. Wie die taz berichtet, sind das überwiegend Menschen, die Bezüge zu Südost-/Osteuropa haben: Spätaussiedler, Kinder von Flüchtlingen aus der CSSR und Rumänien, ein Adoptierter aus Rumänien. Das sind Menschen, die in Deutschland antislawischen Rassismus erfahren (können). Und trotzdem (oder deshalb?) engagieren sie sich in der AfD. Rassismuserfahrung schützt nicht vor rassistischen Überzeugungen.

Das illustriert ein Dilemma. Es ist natürlich wichtig, dass die Vielfältigkeit der Bevölkerung auch im Parlament abgebildet ist. Der Mediendienst hat recht, wenn er darauf verweist, dass dem nicht der Fall ist:

"Menschen mit Migrationshintergrund bleiben damit im Bundestag weiterhin unterrepräsentiert. Denn 22,5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben Einwanderungsgeschichte. "

Wenn wir aber eine rassismuskritische Politik wollen, dann reicht die Repräsentation von Vielfalt nicht. Dann brauchen wir Politiker_innen, die sich gegen Rassismus einsetzen. Und das gilt sowohl für Politiker_innen mit dem ominösen Migrationshintergrund als auch für jene ohne.

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Donnerstag, 4. September 2014
Migrationshintergrund alleine reicht nicht
Dafür dass Migrationshintergrund alleine nicht für eine rassismuskritische und menschenfreundilche Politik reicht, gibt es ausreichend Beispiele. Heute liefert die taz berlin ein weiteres Beispiel im Interview mit Raed Saleh. Zum Thema Integrationspolitik sagt er:

"Wir haben ja in den letzten Jahren auch mit Heinz Buschkowsky [Bezirksbürgermeister von Neukölln, d. Red.] schon vieles verändert. Deshalb haben wir ja das Programm für die 218 Brennpunktschulen gestartet. Wir gehen auch mit dem Thema Schulschwänzer anders um – früher war es nicht so, dass Schulschwänzen bestraft wurde. Jetzt sorgen wir sogar dafür, dass es für Eltern, die ihre Kinder nicht zum Sprachtest bringen, Sanktionen gibt. Wir müssen für ein Gelingen der Integration Hilfen geben. Aber es muss auch klare Regeln geben im Sinne eine friedlichen Miteinanders."

Buschkowsky ist ganz sicher (nicht) ein großer Integrationspolitiker. Und Schulschwänzer_innen und ihre Eltern bestrafen ist sicher (nicht) eine ganz tolle Maßnahme, um die Chancen von jungen Leuten mit dem sogenannten Migrationshintergrund zu vergrößern.

Dem Mann sollte man nicht noch mehr politische Verantwortung geben.

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Samstag, 19. April 2014
Indische Secondos
Der Züricher Soziologe Rohit Jain hat dem Tagesanzeiger ein Interview über indische Secondos gegeben und schliesst mit:

"Ehrlich gesagt: Ich mache mir schon Sorgen um die Schweiz, ihre Modernität und vor allem um ihre Demokratie. Denn es ist auch meine Schweiz, mein Zuhause."

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Mittwoch, 9. April 2014
Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration des Bundes
Bei einer Konferenz habe ich gestern zum ersten mal die neue Bundesbeauftragte für Migration usw. Aydan Özoğuz sprechen gehört. Nach ihrer unsäglichen Vorgängerin Böhmer war das sehr erfrischend. Özoğuz bezieht eigene Erfahrungen als MmM mit ein, hat Erfahrungen mit Ausländerbehörden etc. gemacht, spricht von Ausgrenzung und Rassismus. Das ist ein ziemlicher Wandel. Auch wenn sie nicht von institutionellen Rassismus in Bezug auf die NSU sprechen wollte.

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Dienstag, 18. Februar 2014
Peter Maffay
im Interview mit der taz über die Debatte zur 'Armutsmigration', Engagement gegen Rechtsextremismus, seine Erfahrungen als jugendlicher Migrant, Rumänien, etc.

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Mittwoch, 29. Januar 2014
Migrationshintergrund
Ich bin Bürderdeputierte im Integrationsausschuss meines Bezirks. Bürgerdeputierte im Integrationsausschuss sollen (müssen aber nicht) Migrationshintergrund haben. Der Senat will nun wissen, wie viele unserer bezirklichen Bürgerdeputieren diesen Migrationshintergrund haben. Also klingelt mein Telefon. Das Büro der BVV ist dran, erklärt sein Anliegen. Sie wüssten nicht, ob ich einen Migrtionshintergrund hätte. Habe ich einen? Ich bin etwas gemein und frage erstmal nach der Definition. Sage, dass ich deutsche Staatsbürgerin sei. Aber nicht seit Geburt. Ja, ein Elternteil sei nach 1949 nach Deutschland migriert. Wir stellen fest, ich habe einen Migrationshintergrund.

Ich sage irgendsowas wie "Ja, nach der Definition habe ich einen Migrationshintergrund.". Da meint das Büro, ob ich mich mit der Bürgerdeputierten X abgesprochen hätte. Die hätte das gleiche gesagt. Ich verneine. Da meint es, na, vielleicht hätten wir mal drüber gesprochen.

Ich verate mal was: Dafür müssen wir uns nicht absprechen. Mit so einer Definition kann mensch sich nicht identifizieren.

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Montag, 29. Juli 2013
Themenschwerpunkt InderKinder
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen Themenschwerpunkt: InderKinder hochgeladen mit einem Audiomitschnitt unserer Veranstaltung im Juni:



einer Rezension von Nina Khan, einem Text von Navina Sundaram sowie einem Gespräch mit Nivedita Prasad:



und einem mit mir:

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Freitag, 23. November 2012
20 Jahre Mölln
Die taz berichtet über die Bedeutung des Brandanschlags in Mölln für Menschen, die befürchten mussten, dass auch sie Ziel von Angriffen werden könnten.

"Einer, dem die Anschläge von Mölln bis ins Mark gingen, war der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. Er lebte schon damals in Kiel, im gleichen Bundesland wie die Kleinstadt Mölln. „Es war eine schwarze Zeit“, sagt er. „Viele Leute haben sich damals gefragt: ist es jetzt besser die Koffer zu packen? Das hat die Menschen geprägt, die haben das bis heute nicht vergessen.“ "

Auch in meinen Interviews mit InderKindern konnte ich Ende der 1990er Jahre feststellen, wie bedeutend Mölln, Sollingen, Rostock waren. Diese Anschläge haben vielen vor Augen geführt, dass sie nicht als selbstverständlich zugehörig anerkannt werden, haben ihnen gezeigt, dass sie - egal wie sie sich fühlen - als Andere angesehen werden.

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Dienstag, 16. Oktober 2012
Deutscher Wirtschaftsminister in Vietnam
Im September war der deutsche Wirtschaftsminister in Vietnam. Da er da geboren wurde war das für die Medien etwas Besonderes:
  • Spiegel Online veröffentlicht ein Interview mit Rösler: "Vietnam ist Teil meines Lebens"
  • rp online titelt: "Philipp Rösler reist in fremde Heimat"
  • die Märkische Allgemeine schreibt "Die Vietnamesen betrachten Philipp Rösler als einen der Ihren, erklärt Marina Mai"
  • Die Welt behauptet "In Vietnam darf sich Rösler wie ein Popstar fühlen"
  • Spiegel Online schliesst sich an: "Popstar für einen Augenblick"
  • und noch ein Beitrag von Spiegel Online: "Rösler kämpft um sein Waisenhaus"

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Freitag, 24. August 2012
Janko Lauenberger
Das taz berlin Montagsinterview mit dem Sinto Janko Lauenberger aus Ost-Berlin:

taz: "Fühlen Sie sich trotzdem als Ostdeutscher verletzt, wenn nun ein westdeutsches Medium wie die taz wissen will, wie schlimm es in der DDR war – auch in Bezug auf die Diskriminierung der Sinti?"

Lauenberger: "Natürlich, denn für uns war Rassismus in der DDR nicht schlimmer als für andere, nur anders. Als Kind fand ich es natürlich schlimm, dass ich immer auf meine Hautfarbe angesprochen wurde. Aber Kinder sind eben so. Außerdem: Die Leute waren andere Hautfarben in der DDR einfach nicht gewohnt. Da wurde schon oft ängstlich reagiert und nicht so neugierig, wie ich mir das gewünscht hätte. In vielen Dörfern oder Kleinstädten Im Osten wird man heute immer noch schlimm angemacht. Ich weiß auch nicht, was mit den Ossis los ist."

taz: "Und wie ist es bei den Wessis?"

Lauenberger: "Da passieren auch komische Sachen. Neulich haben wir zum Beispiel auf einem Golfertreffen gespielt. Da tanzte dann so ein betuchter Herr mit seiner Dame, die ihre Handtasche in meiner Nähe abgelegt hatte. Und dann guckte der immer so komisch. Plötzlich schnappt er sich die Handtasche, klemmt sie seiner Tanzpartnerin unter den Arm und dreht sie dann beim Tanzen ganz elegant von mir weg. Das knallt manchmal noch, das tut weh. Wahnsinn. Zum Glück kann ich jetzt darüber lachen."

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