Sonntag, 26. Mai 2024
Deutschland den Deutschen
Blick aus dem Fenster


Ich sitze in meinem Sessel und bereite mich auf die Lehre nächste Woche vor. Die Balkontür ist auf. Draussen scheint die Sonne, Vögel zwitschern, es ist friedlich. Joggende kommen vorbei. Weiße T-Shirts sehe ich durch die Bäume. Und ich höre Gesang: "Deutschland den Deutschen. Ausländer raus." Einfach so. Nicht besonders aggressiv. Als wäre es was ganz Normales zu singen. So wie auf dem Video aus Sylt. Bis ich auf aufgestanden bin und auf dem Balkon stehe, sind die Joggenden schon weg. Haben auch gleich wieder aufgehört zu singen. Ich stehe da und bin völlig ratlos. Und erschrocken. Und überfordert. Ich gehe rein und bereite weiter meine Lehre vor.

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Sonntag, 21. April 2024
Incel Terror
Vor gut einer Woche gab es in Sydney eine Messerattacke mit sechs Toten. Die Polizei teilte mit: "Es gibt nichts, das bisher auf irgendein Motiv oder eine Ideologie hindeutet.". Wenige Tage später wurde klar, dass der Täter explizit Frauen ermordet hat und frustriert war, weil er keine Freundin hatte. Das hört sich sehr nach Incel an. Und von Incels gab es schon mehrfach tödliche Angriffe auf Frauen. Die meist aber nicht als Terror eingestuft werden. In der taz weist Carolina Schwarz darauf hin, das auch Femizid als Terror wahrgenommen werden sollte:

"Doch wie kann man ein gezieltes Töten von Frauen erkennen und gleichzeitig ein ideologisches Motiv ausschließen? Hinter so einer Aussage steckt Unwissen oder beabsichtigtes Wegschauen. Zumindest macht es die Gefahr, unter der Frauen tagtäglich leben müssen, unsichtbar: Denn Misogynie ist kein Einzelphänomen, sondern eine Struktur, die sich durch alle Bereiche der Gesellschaft zieht."

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Donnerstag, 21. März 2024
Post-Covid
Es scheint so, als ob Corona Geschichte sei. Kaum eine_r kümmert sich noch drum. Wer Maske trägt, fällt auf und stösst auf viel Unverständnis. Die die unter den Folgen von Corona leiden, fallen viel weniger auf. Denn wenn sie Post/Long-Covid haben, dann treffen wir sie kaum noch im Arbeitsalltag. So war es auch mit eine_r Freund_in von mir. Ich hatte lange nichts von ihr_ihm gehört. Aber das passiert bei vielbeschäftigten Wissenschaftler_innen ja schnell mal. Als ich dann auf eine Email eine Abwesensheitsnotiz mit unbestimmten Ende bekam, wurde ich stutzig. Ich versuchte es Monate später nochmal mit Whatsapp und bekam nun eine Antwort. Zu dem Zeitpunkt war die_der Freund_in bereits 10 Monate krank geschrieben. Inzwischen sind es über 12 Monate. Nach der Erkrankung hatte si_er noch ein halbes Jahr weitergearbeitet bis es gar nicht mehr ging. Und jetzt geht schon eine ganze Weile nichts mehr, zumindest nicht beruflich. Die Aufgaben eine_r Professor_in kann si_er gerade überhaupt nicht erfüllen. Den Alltag bekomt si_er einigermassen hin. Eins zu eins gehen auch Gespräche gut. Bei mehr Personen wird es schwierig. Nicht die besten Vorraussetzungen für ein_e Wissenschaftler_in. Ich trage weiterhin Maske.

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Donnerstag, 21. Dezember 2023
Zur Bedeutung von Navina Sundaram
Vor zwanzig Jahren erzählte mir meine Studentin Navina Khatib, dass sie nach Navina Sundaram benannt worden war. Als ich im Sommer 2023 an einem Text für das Online-Dossier für „Die fünfte Wand“ saß, musste ich daran wieder denken, und daran, wie meine Kollegin Sonja Hegasy bei unserem Fellowship in Delhi in das digitale Archiv gezogen worden war und sich unendlich viele Filme anschaute. Navina Sundaram hat ganz offensichtlich für verschiedene Menschen eine große Bedeutung. Dem wollte ich weiter nachgehen und machte mich auf die Suche nach Personen, die mit Navina Sundaram auf den Bildschirm aufgewachsen sind oder aber nach ihr benannt wurden. Von Sonja wusste ich es schon, bei Nisa Punnamparambil-Wolf hatte ich es mir gedacht und Nadja-Christina Schneider hatte mir kürzlich erzählt, dass sie ihre Tochter nach Sundaram benannt hatte. Meine Studentin war also nicht die Einzige.

Als ich von meiner Idee sprach, gaben mir die Kuratorinnen von „Die fünfte Wand“ Einsicht in unveröffentlichte Korrespondenz von Sundaram. Es war ein Stapel von Briefen junger Eltern, die ihre Töchter Navina nennen wollten, an die Journalistin. Einige brauchten einen Nachweis für das Standesamt, dass dieser Name existierte. Sundaram schickte ihnen eine Kopie ihres Passes. Die meisten aber fragten nach der Bedeutung des Namens. Sundaram erklärte immer wieder, dass dieser von dem männlichen Vornamen Navin stamme, der neu bedeute, und schrieb zum Teil auch, dass ihr Großvater mit dem Zufügen des A am Ende des Namens einen weiblichen Namen geschaffen hatte.

Ich suchte online nach den Navinas aus der Korrespondenz, fand auch ein paar und kontaktierte zwei, allerdings ohne Erfolg. Ich fand aber noch viele weitere: weiße, blonde Navinas und auch andere. Eine davon war Navina Engelage. In einem Facebook-Post hatte sie einen Nachruf auf Sundaram geteilt und diese als ihre Namensgeberin bezeichnet. Sie reagierte sofort und organisierte ein Zoom-Treffen gemeinsam mit ihrer Mutter. Und als Nadja im Gespräch mit mir davon sprach, dass sich ihre Tochter eigene Navina-Vorbilder gesucht hatte und zu diesen die Fußballnationalspielerin Navina Omilade gehörte, wurde ich hellhörig. Ich suchte nach mehr Informationen zu Omilade und als ich las, dass sie 1981 geboren wurde, vermutete ich, dass auch sie nach Sundaram benannt wurde. Damit lag ich richtig, wie mir Omilade per Email bestätigte. Ganz offensichtlich wurden in den 1970ern und 80ern sehr viel mehr Mädchen nach Sundaram benannt, als sie ahnen konnte. Und auch später wurden noch Mädchen nach Sundaram benannt, wie Nadjas Tochter in den 2000ern. Da kamen allerdings auch schon die ersten kleinen Navinas zur Welt, die nach Omilade benannt wurden. Der Name war auf dem Weg ein deutscher zu werden.

Heute muss niemand mehr einen Brief an den NDR schreiben, um die Bedeutung des Namens zu erfahren. Es reicht ein Blick auf die unzähligen Vornamen-Seiten online. Viele der deutschsprachigen Seiten haben Navina im Angebot, bieten Erklärungen des Namens an und verweisen auf verschiedene Prominente mit dem Namen, mal auf Sundaram, mal auf Omilade, mal aber auch auf die Schauspielerin Navina Heyne. Die Auswahl scheint dabei willkürlich, deutlich wird aber, dass Navina als ein für den deutschen Sprachraum angemessener Name gilt. Als Vergleich: Urmila erscheint auf den gleichen Seiten viel seltener, ist also nicht in der gleichen Weise eingedeutscht.

Es gibt also mittlerweile eine Vielzahl von Navinas in Deutschland, die mehr oder weniger Bezug zu Sundaram haben. Wichtig bei der Namensgebung scheint vor allem der Klang und die Bedeutung des Namens zu sein. Hatte ich zum Beginn meiner Recherche noch gedacht, dass sich vor allem Eltern mit einer Migrationsgeschichte für diesen Namen entschieden hatten, musste ich die These bald fallen lassen. Ganz offensichtlich hatten schon in den 1970ern und 1980ern viele Bio-Deutsche, wie die Engelages, Sundarams Namen an ihre Töchter weitergeben. In meiner Auswahl der Gesprächspartnerinnen zeigte sich, dass der Name für diese das Potential haben konnte, sie für globale Ungleichheiten und ihre weißen Privilegien zu sensibilisieren. Navina Engelage reflektierte hierüber ausführlich im Gespräch. Für die interviewten Frauen* mit Migrationsgeschichte, die mit Sundaram aufwuchsen, wiederum war sie gerade auch deshalb bedeutsam, weil sie eine Migrantin war, die selbstbewusst und eloquent im westdeutschen Fernsehen auftrat. Sie eignete sich so für Frauen* mit und ohne Migrationsgeschichte als Vorbild.

Schade, dass Navina Sundaram diese Stimmen nicht mehr hören kann.

Dieser Text und die Video mit meinen Gesprächspartnerinnen finden sich auf der Archivseite Die fünfte Wand. Zum Ansehen muss mensch sich registrieren.

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Mittwoch, 20. Dezember 2023
Ostalgie
Ostalgie auf der Speisekarte


Schon in der ersten Woche in Erfurt habe ich gesehen, dass die lokale Pastakette ein Gericht mit Namen "Ostalgie" auf der Karte hat. Nudel mit Tomatensosse und Jagdwurst, also fast ein Original-DDR Jägerschnitzel (was nichts mit dem West-Schnitzel mit Pilzen zu tun hat). Gegessen habe ich es nun nicht. Ich habe lieber die Thüringer Klösse in der rustikalen Gaststätte gegessen. Die Ostalgie als diffuse Sehnsucht (oder auch nicht) bleibt damit bestehen.

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Montag, 18. Dezember 2023
alte synagoge
alte synagoge in erfurt


im jahr 1349 gab es in erfurt ein pogrom gegen jüd_innen, das die gesamte jüdische bevölkerung auslöschte. jüdische gebäude, wie die synagoge, wurden umgewidmet und überbaut. vergrabene schätze wurden vergessen. so konnte im verborgenen mittelalterliches jüdisches überdauern und erfurt hat jetzt ein anerkanntes weltkulturerbe. damit wird werbung gemacht und tourist_innen wollen es sich anschauen.

hinweisschild alte synagoge


da die alte synagoge aufgrund der überbauung etwas versteckt ist, ist sie trotz hinweisschildes nicht ganz so einfach zu finden. auch nachfragen bei der lokalen gastronomie, nur wenige meter entfernt, helfen nicht beim finden. da muss mensch schon andere touris fragen.

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Sonntag, 17. Dezember 2023
fellowship mit lücken
vor dem eingangstor der uni


diese woche war (ungeplant) meine letzte woche in erfurt. anstatt zweieinhalb monate war ich im endeffekt nur vier wochen vor ort. erst zwei wochen corona. dann wie geplant eine woche archivreise. dann als ich gerade richtig loslegen wollte der armbruch. so war ich also nur noch diese woche vor ort.

am montag habe ich meinen vortrag gehalten. die vorbereitung war überraschend schwer, da der armbruch nicht nur den arm lahmlegt, sondern insgesamt den körper und die konzentration einschränkt. mit meiner analyse bin ich also nicht weit gekommen, aber immerhin konnte ich mit neuem material arbeiten. es kamen viele interessierte fragen und hinweise. leider kann das gespräch jetzt nicht mehr weitergehen, denn ich musste nach berlin zur physio.

am freitag hatte ich dann mein abschlussgespräch, wo ich auch nur sagen konnte, es hätte gut werden können.

und am samstag habe ich meine wohnung geräumt. ohne die hilfe, die mit erkältung im bett lag. war gar nicht so einfach einarmig. gut dass es andere pendelnde kolleg_innen gibt, die mein rad und eine tasche nach berlin gebracht haben.

schade, dass es mit diesem fellowship nicht so recht geklappt hat. gut, dass es in delhi so gut geklappt hat.

nehmt euch in acht vor straßenbahnschienen!

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