Mittwoch, 4. Mai 2016
Kommunalpolitik in Anwesenheit besorgter Anwohner
Die CDU bringt einen Antrag in den Ausschuss ein, der nicht nur rassistisch ist, sondern auch sonst klar überflüssig (da er nichts verändern kann). Alle anderen sind sich einig, dass der Antrag Blödsinn ist. Es wird aber ernsthaft argumentiert, anstatt ihn einfach per Abstimmung abzulehnen. Im Raum sind nämlich auch besorgte Anwohner (auch die Frauen gendern sich nicht, also belasse ich es bei der männlichen Form). Für die hat die CDU den Antrag wohl formuliert und der Rest des Ausschusses will ihr nicht den gefallen machen, den Antrag abzulehnen. Also geht die Diskussion ewig. Irgendwann melden sich auch die besorgten Anwohner ("Ich bin Deutscher, Steuerzahler, ich habe auch Rechte", "Ich werde entmündigt", "Wir haben keine Ärzte aber die" usw.). Alle versichern ihnen, dass sie die Sorgen verstehen. Dann wird die Sitzung unterbrochen. Danach der Antrag gegen die Stimmen der CDU vertagt.

Interessante teilnehmende Beobachtung. Aber ob all das Taktieren irgendjemand ausser der AfD was gebracht hat, wage ich zu bezweifeln.

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Samstag, 23. April 2016
Mutmaßungen über einen Sprengstoffanschlag
Als letztes Wochenende ein Sprengstoffanschlag auf einen Sikh-Gurdwara/ ein Hochzeitsfest in Essen erfolgte, wurde dies sofort in meinem Facebook-Feed geteilt. Viel Informationen gab es allerdings noch nicht.

Ich fragte mich, was der Anlass für den Anschlag gewesen sein könnte. In Indien gab es 1984 Ausschreitungen gegen Sikhs (von der indischen Dominanzgesellschaft, nicht von Muslim_innen). Es gibt eine separatistische Sikh-Bewegung und staatliche Verfolgung, daher sind viele ins Exil gegangen. Ich erinnere mich auch schwach daran, dass es in einem deutschsprachigen Land einen Anschlag auf eine Sikh-Einrichtung (vielleicht auch ein Gurdwara) gab, bei dem es um Konflikte zwischen verschiedenen Sikh-Gruppen ging (Details weiss ich nicht mehr und vielleicht erinnere ich mich auch nicht richtig). Und dann gibt es natürlich die Anschläge auf Sikhs im globalen Norden, weil sie für Muslime gehalten werden. Das hätte auch in Essen ein Grund sein können (siehe meinen Blog-Post zu einem Anschlag in Wisconsin vor mehreren Jahren).

Inzwischen wurden zwei 16jährige Tatverdächtige festgenommen (siehe WDR-Berichterstattung). Ihnen wird Nähe zum IS, zum Islamismus, etc unterstellt. Die Tat wird in den Medien jetzt als islamisistische Tat dargestellt.

Das Ziel des Anschlags ist dann aber, schwer zu erklären. In Medienberichten heisst es, dass Sikhs in Indien und Pakistan von Muslimen angegriffen werden. Für Indien vermute ich, dass das weit weniger der Fall ist, als durch Vertreter_innen der staatlichen Macht (aber auch da bin keine Expertin). Es wird so einiges über Sikhs geschrieben, was in die Berichterstattung passt, aber nicht so wirklich was mit Sikhismus zu tun hat. In Funkhaus Europa heute wurde gesagt, dass Sikhs wegen ihrer Turbane manchmal für Hindus gehalten werden. Das mag sein. Noch häufiger werden sie wegen der Turbane allerdings wohl für Muslime gehalten (was die antimuslimischen Anschläge auf Sikhs seit 2001 zeigen).

Wenn die beiden 16jährigen tatsächlich einen islamistischen Anschlag auf den Gurdwara verübt haben, zeigt dies, dass die Angriffsziele völlig beliebig sein können. Islamistisch lässt sich dieses Ziel in Deutschland wohl kaum schlüssig motivieren. Wobei natürlich alles ex post begründet werden kann.

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Donnerstag, 31. März 2016
Berlinale: Rara
Besonders gefallen hat mir bei der Berlinale der chilenische Kinderfilm Rara. Sara ist 13 Jahre alt und hat die Probleme, die mensch in dem Alter so hat. Der Film erzählt diese konsequent aus Saras Perspektive. Dabei erfährt man auch mehr über ihre Eltern, die getrennt leben. Im Hintergrund von Saras Geschichte entfaltet sich ein Machtkampf zwischen Vater und Mutter. Dabei kann sich ersterer darauf verlassen, dass seine Homophobie von der Gesellschaft unterstützt wird. Unabhängig davon was eigentlich das Kindeswohl angeht. Die Sorgen und Wünsche von Sara hingegen behält der Film konsequent im Blick.

So macht der Film sehr eindrücklich, wie nicht die Kinder sondern die Gesellschaft ein Problem mit zwei Müttern hat.

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Mittwoch, 30. März 2016
Die Afd und die Gender-Ideologie
Die taz zitiert das AfD-Grundsatzprogramm wie folgt:

„Die Gender-Ideologie marginalisiert naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern und wirkt damit traditionellen Wertvorstellungen und spezifischen Geschlechterrollen in den Familien entgegen.“

Das zeigt, dass die AfD die kritischen Gender Studies grundsätzlich verstanden hat. Denn die Gender Studies analysieren die Konstruktion von Geschlecht, hinterfragen die Biologisierung von Geschlecht und die in den Geschlechterverhältnissen angelegten Machtungleichheiten. Sie stellen damit auch konventionalisierte Wertvorstellungen und Rollenarrangements in Frage und machen anderes denkbar.

Es geht also beim Argumentieren gegen die AfD nicht darum zu zeigen, dass sie die Gender Studies falsch verstanden/ wiedergeben haben. Sondern es geht darum, zu argumentieren, warum eine kritische Perspektive auf Geschlechterverhältnisse für alle wichtig ist und warum die Perspektive der AfD problematisch ist.

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Dienstag, 29. März 2016
Berlinale mit Gebärdendolmetschenden
Dieses Jahr habe ich es zum ersten Mal bei der Berlinale erlebt, dass es bei einzelnen Filmvorführungen zum Filmgespräch Gebärdendolmetschende gab. So konnten auch Gehörlose diese Gespräche verfolgen. Für den Film, den ich gesehen habe, gab es allerdings keine Gehörlosenfassung. Es gab nur die regulären Untertitel. Geräusche wurde nicht untertitelt. Damit wurden den Gehörlosen leider viele wichtige Details des Films vorenthalten. Hier gibt es also noch Entwicklungsmöglichkeiten.

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Montag, 28. März 2016
Berlinale: Authentizität und Repräsentation
Mit meiner Berlinale-Berichterstattung bin ich hoffnungslos im Rückstand. Es war zu viel los. Auf meinem Schreibtisch und in der Welt. Aber zumindest zu einem Thema, das mir bei der Berlinale immer wieder begegnet ist, will ich bloggen: zur Frage von Authentizität und Repräsentation.

Beim Filmgespräch nach dem rumänischen Spielfilm Ilegitim erklärte der Regisseur, dass es sein Ziel gewesen sei, dass die Schauspieler_innen möglichst authentisch spielen (und was er dafür gemacht hat). Den Film fand ich durchaus sehenswert, den Anspruch an Authentizität (bei einem fiktiven Stoff) allerdings verwirrend. Das lag sicher auch daran, dass ich vorher zwei Filme meiner Lieblings-Dokumentarfilmenden von Pong gesehen hatte und diese genau das Gegenteil anstreben. Ihnen ist es in ihren Filmen immer wieder wichtig, den Konstruktionscharakter von Filmen (auch Dokumentarfilmen) offenzulegen und die Frage der Repräsentation zu thematisieren.



Im Film Havarie haben sie sich entschieden auf ihr gesamtes gefilmtes Material zu verzichten. Angesichts der in den letzten Jahren entstandenen Masse von personalisierten Geschichten über Flucht (über das Mittelmeer) wollten sie keine weitere hinzufügen. Sie wollten nicht so tun, als ob sich die Filmschauenden in die Flüchtenden hineinversetzen könnten, mit ihnen auf Augenhöhe seien. Stattdessen wollten sie die bestehende Asymmetrie darstellen (siehe z.B. dieses Interview). Und so entschiedenen sie sich einen dreieinhalb minütiges Video, das der Ausgangspunkt ihrer Recherche war, auf 90 Minuten zu verlängern. Die Filmschauende blickt mit dem Drehenden von einem Kreuzfahrtschiff auf ein havariertes Schlauchboot, hört den Funkverkehr des Kreuzfahrtschiffes mit der Seenotrettung und Erzählungen von Menschen, die rund um das Mittelmeer auf die ein oder andere Weise mit der Flucht über das Meer zu tun haben. Kein Film zum Wohlfühlen. Ein Film zum Nachdenken, sich mit sich auseinandersetzen. (Und wer wie ich den Krimi Havarie gelesen hat, kann dessen Inhalte in den Film projizieren. Was wiederum andere Fragen aufwirft, insbesondere ob ich damit doch wieder eine Augenhöhe herstellen will.)



Der andere Film von Pong war ganz anders und doch ähnlich. Die Entstehungsgeschichte von And-ek ghes geht auf den Film Revision zurück. Bei diesem lernte das Pong-Team Colorado Velcu kennen. Bei Revision war er einer der Protagonist_innen, bei And-ek ghes einer von zwei Regisseuren. Pong überließ Velcu und seiner Familie nicht nur Kameras, um von ihrem Leben zu erzählen, sie entwickelten den Film auch zusammen mit ihm und ihnen und traten gleichberechtigt mit ihnen bei der Berlinale und bei Pressegesprächen auf. Es war kein Film aus der dominanzdeutschen Perspektive über die Familie sondern ein Film der Familie über sich und über das Drehen eines Filmes. Und mit einem wunderbaren Film-Song im Bollywood-Stil (das gab Szenenapplaus bei der Premiere).

Der Dokumentarfilm Les Sauteurs hat Ähnlichkeiten mit Havarie und And-ek ghes. Es geht um den Versuch der Migration nach Europa (über Melilla) und die Filmemacher haben ihrem Protagonisten eine Kamera gegeben. Eindrücklich filmt der sein Leben in einem Camp in der Nähe von Melilla. Anders als bei Pong Colorado Velcu wird bei Les Sauteurs Abou Bakar Sidibé allerdings nicht gleichberechtigt als Regisseur eingebunden. Er ist Protagonist und Kameramann, aber die europäischen Filmemacher entscheiden alleine, was aus dem Material wird. Schade, dass sie da nicht weiter gegangen sind.

Im völligen Kontrast zu And-ek Ghes steht der Dokumentarfilm Valentina. Nicht mit einer wackligen Handkamera gedreht. Perfekt ausgeleuchtete, ausgewählte, wunderschöne Bilder in schwarz-weiß. Und keinerlei Autor_innenschaft der Protagonist_innen. Außer der Tochter der Familie darf keine_r reden. Dafür wird immer wieder auf ihre elenden Wohn- und Lebensverhältnisse fokussiert. Während die Familie von Colorado Velcu ihre Geschichte erzählt, wird die Familie von Valentina vorgeführt. Und am Ende der Veranstaltung dann Geld für den Vater gesammelt.

Im Gegensatz zu den Filmemacher_innen von Valentina hat sich der von Makhdoumin viele Gedanken darüber gemacht, wer wen wie repräsentiert. Wie bei den Pong-Filmen war auch hier das Filmgespräch sehr spannend. Maher Abi Samra dokumentiert die Vermittlung von ausländischen Hausmädchen im Libanon. Dabei richtet er die Kamera bewusst auf die Agentur, die Arbeitgeber_innen und ihre Wohnungen. Die Hausmädchen bleiben wie in der libanesischen Gesellschaft im Hintergrund. Der Filmemacher belässt es aber nicht dabei, zu zeigen wie Andere über Hausmädchen reden, er thematisiert auch seine eigenen Verstrickungen.

Etwas ratlos ließen mich hingegen die Dokumentarfilme Mariupolis (ohne Filmgespräch) und Hotel Dallas zurück. Der erste, weil mir die Bilder zu unkommentiert waren. Der zweite, weil mich das fiktive/ künstlerische Element nicht angesprochen hat.

Verärgert hat mich der Film The Lovers and the Despot. Leider gab es kein Filmgespräch mehr (am Ende der Berlinale). Ich hätte gerne gewusst, was die Filmemacher_innen mit dem Film bezweckten. Es gab eine Geschichte (ein Film-Paar, das aus Südkorea nach Nordkorea entführt wird, um Filme zu machen), die mit ganz viel Filmmaterial unterlegt war, bei dem nie klar war, woher es kam (für den Film nachgestellt, aus einem Spielfilm, dokumentarisch?). Am Ende hatte ich das Gefühl zurück im Kalten Krieg zu sein (was Korea ja noch ist) und einen Propaganda-Film gesehen zu haben. Auch eine spannende Erfahrung.

Bei den sehenswerten Kinderfilm Rara (den fand ich aus vielerlei Hinsicht toll) und dem Jugendfilm Sairat bestand die Authentizität unter anderem darin, dass es kein Happy End gab. Die gesellschaftlichen Machtungleichheiten schlugen am Ende jeweils zu.

Die Berlinale war mal wieder sehr anregend. Auch mit den Filmen, die ich nicht mochte.

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Montag, 21. März 2016
Karneval der Flüchtlinge
Den AfD-Schock vom letzten Wahlsonntag habe ich noch nicht verarbeitet. Jede vierte Wähler_in in Sachsen-Anhalt hat rechtspopulistisch gewählt (und noch ein paar andere rechtsextrem). In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ware es auch weit über 10%. Viele Direktmandate hat die AfD bekommen, davon zwei in Baden-Württemberg. So schlimm war es noch nie.

Karneval der Flüchtlinge in Berlin am 20.03.16


Da war Karneval der Flüchtlinge gestern in Berlin ein Hoffnungsschimmer. Tausende sind mit dem Slogan "My right is your right" auf die Straße gegangen. Mit Musik, Theater und viel guter Laune.

Diese Stimmung und diese Positionen müssen gestärkt werden. Damit der Rechtsruck sich nicht festsetzt!

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