Freitag, 7. Juli 2006
Dieser Blog
setzt sich auseinander mit Diskriminierungen, Othering und Rassismen sowie den jeweiligen Erfahrungen, die damit verbunden sind. Und das vorallem in 'Deutschland', weil ich hier lebe. Der Blog ergänzt meine Forschung durch eine Diskussion von tagesaktuellen Nachrichten und anderen Alltäglichkeiten. Theoretische Grundlagen sind vorallem die Arbeiten von Paul Mecheril, z.B. zu Anderen Deutschen. Wissenschaftliche Positionierung ist auch immer politisch, parteiisch für eine bestimmte Perspektive, interessiert an bestimmten Fragestellungen. Dieser Blog will keine 'Wahrheit' verkünden, niemanden missionieren, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, etc. Er gibt wieder worüber ich gerade nachdenke, was ich aus theoretischer Sicht bedenklich finde, was ich gerne einer größeren Öffentlichkeit vorstellen will.

Nachtrag kurz später: Aus gegebenen Anlaß verweise ich darauf, dass sämtliche Kommentare, die beleidigend, rassistisch, sexistisch, etc. sind, von mir nicht im Einzelnen kommentiert werden.

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Donnerstag, 6. Juli 2006
Trauer und Jubel
Fußballdeutschland trauert. Ich bin zutiefst erleichtert, wie auch yeahpope. Ich gebe zu, dass ich dabei etwas nach dem St. Florians-Prinzip ("Lieber Sankt Florian, beschütz mein Haus, zünd das Haus des Nachbarn an" oder so ähnlich) verfahre. Denn natürlich wünsche ich auch Italien keinen nationalen Taumel. Und ich befürchte, dass das auch in dem Land nichts Gutes ist. Aber ich bin total erleichtert, dass ich hier nicht den kollektiven "Wir sind Weltmeister"-Jubel erleben muss und empirisch testen kann, ob meine Befürchtungen sich bewahrheiten. Mit dem Ausscheiden, wenn auch einem sehr späten, habe ich die Hoffnung, dass Schwarz-Rot-Gold, "wir sind wieder wer" und "Deutschland Deutschlaaaand" wieder etwas abnehmen.

Ich verstehe nach wie vor nicht, warum alle diesen sogenannten 'positiven Patriotismus' so positiv finden. Ja, es gibt ein Gemeinschaftsgefühl unter vielen. Aber dieses geht einher mit ganz klaren Ausgrenzungen, nationalen Stereotypen und Diskriminierungen aufgrund von angenommenen 'nationalen' Zugehörigkeiten. Vorkommnisse wie auf der Berliner Fanmeile:

... Frau mit der Berliner Schnauze, die kurz zuvor noch prophezeit hat, die "Spaghettis" würden gleich aus dem Turnier fliegen ...

und

"Nur wenige Tifosi hatten sich auf die Fanmeile getraut, die einem schwarz-rot-goldenen Hexenkessel glich. Und so hielten sich Anfeindungen und chauvinistische Pöbeleien auch in Grenzen. "Ihr seid Bäcker, kleine Pizzabäcker, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission", hieß es dann und wann zur Melodie einer Bonnie-Tyler-Schmonzette."

oder wie unter dem Titel Fanmeile wird zur Deutschlandmeile berichtet:

"Ein Mann im Italien-Trikot wird aufgefordert, lieber Pizzen auszufahren als hier rumzustehen."

oder unter dem Titel Nationale Gröler mit Hool-Attitüde zum Popkick im Treptower Park:

Sobald Klinsmanns Elf einläuft, fühlt sich eine Handvoll grölender Jungmänner in Deutschland-Trikots zuständig, für Stadionstimmung zu sorgen: Buh- und Pfui-Rufe für die Italiener, "Deutschland, Deutschland"-Rufe für die "Unseren". Als ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart nach einem Platz sucht, schreien sie: "Osama, setz dich hin!"

und weiter:

Merkwürdig genug, doch sobald das Spiel beginnt, übernimmt wieder die Fanfraktion - und kennt jetzt verbal kein Halten mehr. Von "Scheiß Spaghettischweine" bis "Wir verbacken euch zu Pizza" reicht die Palette der Zwischenrufe ...

und:

Inzwischen hat sich auch auf der linken Wiesenseite eine Fraktion aus ganzkörperbeflaggten Jungs und Mädchen gebildet, deren Sprachschatz ausschließlich aus dem Wort "Deutschland" zu bestehen scheint. Jeder Fall eines Italieners, ob Schwalbe oder echt, wird höhnisch mit "aua" oder "steh auf, du Arschloch" kommentiert. Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit fordert ein Chor von links und rechts: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!"

Italiener will man spätestens da nicht mehr sein, erst recht nicht nach den beiden Toren ...


Was ist an diesem 'deutschen' Patriotismus postitiv? Warum wird toleriert, dass der kollektive Taumel, sich so gegen andere 'Nationen' wendet? Das Spiel gegen 'Italien' war da nicht anders als die vorherigen.

Nachtrag 04.10.06: Rassistische Kommentare sind wohl auch in der Kabine normal gewesen wie die taz über Sönke Wortmanns Jubelfilm schreibt:

"Wir wissen, wie unser Trainer brüllt, und auch, dass wir Gegner - zumal wenn es sich um böse Italiener handelt - ruhig mal "Scheißer" nennen dürfen."

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Mittwoch, 5. Juli 2006
'Asiatenjunge'
Aus der Reihe ''Andere Deutsche' und ihre Ausgrenzungserfahrungen' ein Auszug aus der aktuellen taz über Martin Jondo:

Seine Mutter stammt aus Südkorea, der Vater ist Deutscher. Der "Asiatenjunge", wie er sich selbst nennt, sei ein Außenseiter in seiner Reinickendorfer Schule gewesen, habe kaum Ausländer, vor allem keine anderen Asiaten gekannt - aber dann kam der Reggae: "Ich habe mich wirklich geliebt und als Mensch akzeptiert gefühlt, die ganze Diskriminierung war wie weggeblasen."

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Dienstag, 4. Juli 2006
Wissenschaftlicher Rassismus
Wieder einmal haben GenforscherInnen aufgrund ihrer Vorstellungen über die Natur des Menschen, etwas über die Natur des Menschen herausgefunden. Diesmal haben sie ein antisemitisches Vorurteil über 'Juden' genommen und das getestet. Und tatsächlich sie glauben herausgefunden zu haben, dass 'aschkenasische Juden' aufgrund eines Gendefekts schlauer sind. Robert Misik schreibt in der taz: "Wissenschaftlich exakt beweisen lässt sich das nicht". Das stört ihn aber nicht, es für bewiesen zu halten. Die taz titelt sogar: "Juden mit Hirn. Kein Rassismus, sondern Genforschung"

Rassistischer geht es kaum noch. Denn Rassismus hat sich schon immer der Wissenschaft bedient, um damit imaginierte biologische Unterschiede zu 'beweisen'. Rassismus und Genforschung gehören damit unmittelbar zusammen. GenforscherInnen leben wie alle anderen Menschen auch in rassistisch strukturieren Gesellschaften, sind durch rassistische Bilder in ihrer Perspektive beeinflusst und tragen diese (zumeist unbewusst) mit in ihre Forschung.

Wer sollen denn diese 'aschkenasischen Juden' sein, die alle den gleichen Genfehler haben? Wenn wir die als biologisch zusammengehörig verstehen, dann sind wir ganz klar wieder bei einer 'Rassenlehre'.

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Montag, 3. Juli 2006
Leidkultur
Zur Leitkulturdebatte in der taz:

"Thielemann wird nach dem "deutschen Klang" gefragt, und nachdem er vorgesungen hat, wie man sich den vorzustellen hat, sagt er: "Eine Tradition besitze ich nämlich nicht, die muss ich mir - mit Goethe - erwerben. Genau dieses Nachdenken aber hat 68 abgeschnitten. Es ist doch idiotisch, dass als ausländerfeindlich gilt, wer Negerkuss sagt! Also mich freut dieses Aufgerütteltwerden genauso, wie mich die Fußball-WM freut: Endlich sind wir mal ein bisschen unverkrampfter."

Also: Vom Tatatataaa geht es über Goethe direkt zu den 68ern, die ihm den "Negerkuss" verbieten wollen. Mit der deutschen Klassik auf das Recht zu bestehen, "Negerkuss" sagen zu dürfen. Prägnanter hat das noch niemand zusammengefasst."


Tobias Rapp analysiert diese thielemannschen Ergüsse sehr passend:

"... nein, man hat nichts gegen Frauen oder Ausländer. Doch die Definitionsmacht darüber, was Kultur ist oder welches Wort welchen Sachverhalt bezeichnet, sollen sie nicht bekommen. Mitreden? Ja, wenn es denn unbedingt sein muss. Mitbestimmen, wie und worüber geredet wird? Nein, auf keinen Fall.

Davon handelt die Leitkulturdebatte ... Von der Angst weißer deutscher Männer vor dem Verlust ihrer kulturellen Hegemonie: von Goethe bis zum "Negerkuss".

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Religion ist schuld
"Die Religion ist nach Auffassung des Innensenators Ehrhart Körting (SPD) ein Hauptproblem bei der Integration von Ausländern."

Gut, dass das nochmal gesagt wurde. Da brauchen wir uns keine Gedanken über strukturellen Rassismus, Diskriminierung und Islamophobie machen. Schuld ist schliesslich die Religion. Womit natülich nicht die christliche gemeint ist, die hatte natürlich keine Schuld an der Entwicklung von Rassismus, Diskriminierung und Islamophobie. Wir wissen schon, was gemeint ist ....

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Mehr
Lucry im taz-Interview:

taz: Fühlst du dich mehr als Deutscher oder als Kubaner?

Lucry: Ich sage immer: "Ich bin halb und halb."


Typische Frage. Habe ich auch schon gestellt. Ist aber keine gute Frage. Warum soll er sich zwischen den beiden entscheiden, warum soll er seine Gefühle der Zugehörigkeit hierarchisch anordnen, warum kann er sich nicht einfach als 'Deutscher' und als 'Kubaner' fühlen? Und nicht immer danach gefragt werden?

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Samstag, 1. Juli 2006
Vermeiden, Verwerten, Sicheres Entsorgen
Noch ist die 'deutsche' Mannschaft nicht rausgeflogen. Aber irgendwann wird auch diese WM vorbei sein und dann stellt sich die Fragen, was tun mit all den Fahnen. Die taz hat den Umweltreferenten der NRW-Verbraucherzentrale Björn Rickert gefragt:

taz: Herr Rickert, Deutschland ertrinkt in einem Fahnenmeer. Was machen wir mit den Flaggen...?

Brörn Rickert: ... Auch bei Fahnen gilt, was bei Abfall immer gilt: 1. Option: Vermeiden, 2.: Verwerten, 3.: Sicheres Entsorgen
...

taz: Verbrennen aus Frust, ein Stadionklassiker?

Rickert: Auf keinen Fall. Verbrennen ist sogar amtlich verboten. Weiterverwerten! Da gibt es viele Möglichkeiten: Nach Belgien schicken und quer aufhängen, auch wenn man sie umschneiden müsste. Zerschneiden und als Taschentücher nutzen für die Tränen. Ganz große Fahnen eignen sich, mit Feinwaschmittel gewaschen, auch als Betttuch.

... zur nächsten WM benutzen, vielleicht schon zur Frauen-WM 2007. Oder in die Karnevalskiste.

taz: ... Auf welchen Müll gehört Deutschland? Gelber Sack?

Rickert: Mag man denken. Ist aber falsch. Fahnen sind keine Verpackung, auch wenn sich manche Fans darin einwickeln. ... Nach Abfallrecht sind Fahnen ganz klar Restmüll.

.... Das meiste dürfte aus synthetischen Stoffen sein. Die taugen selbst als Putzlappen nicht viel.

taz: Wenn ich statt Polyester-Billigzeug zumindest eine Fahne in Textilmischung habe?

Rickert: Dann wird sie zum Umnähen vielleicht nach Afrika exportiert und macht da die Märkte kaputt. Zudem glaube ich nicht, dass man dort Deutschlandfahnen in solcher Menge als Kleidung braucht.

... Also im Restmüll versenken. Dann kommen sie in hochtechnische Verbrennungsanlagen.

taz: Sind wir damit ökologisch glücklich?

Schwierig. Wenn wir nichts vermieden oder verwertet haben, bleibt es der beste der schlechten Wege. Bis Mitte letzten Jahres wären Fahnen sogar auf Deponien legal ablagerbar gewesen. Dann wären Farben, Imprägnierungen und Chemikalien ins Grundwasser gegangen. Wir hätten uns an Deutschland vergiften können.

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Donnerstag, 29. Juni 2006
Deutschpflicht
Die Deutschpflicht gilt nicht nur auf 'deutschen' Schulhöfen. Nein, auch die Fußballplätze hat sie schon erreicht wie die taz berichtet:

"Bereits in der 3. Spielminute zückte er Gelb, als ein türkischer Kicker seinen Teamkollegen mit dessen Namen Ahmed rief. Dann gab es Gelb, als der Schiedsrichter einen türkischen Zuruf nicht verstand. Kapitän Murat Kaya wies Füllenbach noch darauf hin, "dass wir nicht alle Dieter heißen". So ging es weiter. In der 60. Minute dann ist das Spiel vorbei. Füllenbach zeigt Rot, und Kicker des SC Europa gehen auf ihn los.

"Ich muss auf dem Platz alles verstehen können", beharrt der 55-Jährige. Wenn ein Spieler einem anderen zurufe: "Hau ihn um", dann will er handeln können. Das Problem ist, dass er den Inhalt der türkischen Sätze gar nicht verstehen konnte und trotzdem wegen "Beschimpfung" die Verwarnung zog. Er räumt ein, nur "die Körpersprache interpretiert" zu haben. "


Würde dieser Schiedsrichter bei der WM pfeifen, dann dürften bald nur noch die 'deutsche' und die 'schweizerische' Mannschaft spielen.

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