Freitag, 21. Mai 2010
Toll integriert
Das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats für Migration bekommt laut taz heraus, dass alles viel besser als gedacht ist. Die Migrant_innen wollen sich integrieren, habe keine Diskriminierungserfahrung, Bildung ist aber ein Problem. Ein schönes Beispiel dafür, dass quantitativen Studien das herausbekommen, was sie reinstecken. Wer es eine konservative Studie gewesen, wäre Integrationsprobleme herausgekommen. Wäre es eine rassismuskritische Studie gewesen, wären Rassismuserfahrungen rausgekommen. So ist alles gut mit der Integration.

Solche Studien geben weniger Auskunft über die Befragten und mehr über jene, die die Studien verantworten. Da wäre hier eine Frage, warum haben sie kein Interesse an Rassismuserfahrungen?

Nachtrag: Der taz-Artikel lädt offensichtlich zu (anti-muslimisch) rassistischen Kommentaren ein.

Nachtrag 07.06.10: Auch Christian Pfeiffer hat eine Studie gemacht, bei der vermutlich das hinten rauskommt, was vorne reingesteckt wurde (siehe taz): Er kann nun statistisch gestützt behaupten, dass männliche Muslime besonders gewalttätig sind.

Pfeiffer ist übrigens der, der Rechtsextremismus im Osten Deutschland mit dem kollektiven Töpfchengehen in DDR-Kitas in Verbindung bringt. Ein großer Wissenschaftler.

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Sonntag, 18. April 2010
Interkulturell
Der Politologe Roland Roth hat eine Evaluation des Berliner Landesprogramms gegen Rechtsextremismus gemacht. Die taz zitiert ihn dabei wie folgt:

"Eine besondere Chance sieht Roth in interkulturellen Begegnungen: Wenn Personen aus unterschiedlichen Kulturen sich auf Augenhöhe begegnen, trage das erheblich zum Abbau von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit bei. Dies sei durch zahlreiche Untersuchungen belegt."

Zu ergänzen wäre hier: zahlreiche Untersuchungen haben belegt, dass Rassismus nichts mit Begegnung zu tun hat und Rassismus nicht über den Abbau von Vorurteilen begegnet werden kann. Rassismus ist ein Herrschaftsverhältnis, dass die Anderen konstruiert. Die Anderen haben da wenig mit zu tun. Und Begegnung auf Augenhöhe kann in so einem Kontext überhaupt nicht funktionieren, da die Anderen als minderwertig konstruiert werden und weniger Zugang zu Ressourcen haben.

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Sonntag, 28. September 2008
Macht(missbrauch) der Wissenschaftlerin
Mir wurde heute mal wieder gezeigt, wie ich als Wissenschaftlerin immer wieder Gefahr laufe, meine Aufgabe der Repräsentation (insbesondere durch Texte) zu missbrauchen. Natürlich habe ich dabei nur hehre Ziele (zumindest rede ich mir das gerne ein): ich will auf gesellschaftliche Missstände hinweisen, kritische Diskussionen anstossen, etc. Dafür schreibe ich (und natürlich auch, weil das mein Beruf ist). Und da ich mit ethnographischen Mitteln arbeite, nutze ich dafür personalisierte (wenn auch anonymisierte) Geschichten. Nicht immer sind die Menschen, deren Geschichten ich dafür nutze, mit der Art meiner Repräsentation einverstanden. Mir fehlt dabei manchmal das Einfühlungsvermögen und vor allem muss ich mir noch viel häufiger bewußt machen, welche Macht ich mit dem wissenschaftlichen Repräsentieren ausübe.

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Freitag, 20. Juni 2008
Wissenschaft
Vor ein paar Wochen auf einer Konferenz bei einem Pausengespräch:

Ein paar NachwuchswissenschaftlerInnen widersprechen einem wichtigen Professoren. Sie halten den Vortrag über Rassismus, den sie gerade gehört haben, durchaus für fundiert. Und argumentieren, dass es keine objektive Fakten gibt, dass alles was wir wahrnehmen durch eine durch Wissen geformte Brille wahrgenommen wird.

Der Professor gibt sich väterlich fürsorglich: Wenn sie davon überzeugt sind, dass es kein objektives Wahrnehmen gibt, dass alle Begriffe schon Wissen reproduzieren und das es kein Denken jenseits des Wissens gibt, dann dürfen sie keine Wissenschaft machen.

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Montag, 26. November 2007
Interdependente Differenzlinien
sollte mein nächstes Forschungsprojekt heißen. Darin wollte ich die Interdependenzen von Rassismus und Heteronormativität an einem ethnographischen Beispiel analysieren. Und würde es auch gerne weiterhin tun. Der große Forschungsförderer bei dem wir Gelder dafür beantragt haben, war aber andere Meinung. Der konstatierte gravierende konzeptionelle Mängel und eine tendenziöse Darstellung des Forschungsstandes. Ich hingegen habe den Eindruck, dass die Ablehnung durchaus tendenziös war - aber das ist bestimmt nur meine subjektive Sichtweise.

Wer Interesse an dem mittellosen Forschungsprojekt hat, kann sich gerne bei mir melden. Ich bin auch gerne bereit die Professorinnenquote aufzubessern.

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Samstag, 17. November 2007
Migrationskonferenzen
Die Dominanz der 'weißen' Männer.

Die letzten Tage war ich auf einer Migrationskonferenz. Und wieder gab es eine klare gegenderte Ordnung. Die ganzen wichtigen 'weißen' männlichen ReferentInnen haben selbstgefällig aus ihrer hegemonialen Position über die Welt philosophiert und es waren die weiblichen ReferentInnen (die meisten auch 'weiß'), die auf Machtverhältnisse hingewiesen haben (und dabei weniger Ernst genommen wurden).

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Montag, 12. März 2007
Diktat der Normen
In meiner Forschung setze ich mich kritisch mit Machtverhältnissen und Ausgrenzungsmechanismen auseinander. Ich betone die soziale Konstruktion von Kategorien wie 'Ethnien', 'Kulturen' oder 'Nationen'. Ich schreibe darüber - in Deutsch und Englisch - und muss dafür mit den Sprachen umgehen, mit ihnen kämpfen und Lösungen für mich finden. Denn beide Sprachen spiegeln genau die Machtverhältnisse und Ausgrenzungsmechanismen, die ich diskutieren will, wider und engen mich im Bezeichnen ein. Wenn ich mich an die Standard-Sprache halte, dann kann ich das, was ich sagen möchte, häufig nicht ausdrücken. So nutze ich im Deutschen das Binnen-I, um auf die patriarchale Prägung der Sprache hinzuweisen. In beiden Sprachen benutze ich Anführungsstriche, um mit Begriffen wie 'Deutsche' und 'InderInnen der zweiten Generation' überhaupt umgehen zu können. Häufig muss ich auch auf kompliziertere Konstruktionen wie "Menschen, die als InderInnen markiert sind" ausweichen, um das auszudrücken, was ich ausdrücken will. (Und in all dem bin ich noch nicht sehr radikal. Es gibt viele, die sehr viel konsequenter als ich sind.)

Als Wissenschaftlerin muss ich publizieren. Und das nicht nur auf meiner Webseite sondern vor allem in anerkannten Zeitschriften und wissenschaftlichen Büchern. Und da mache ich immer wieder augenöffnende Erfahrungen. Die schockierendste war sicher als mein Text unauthorisiert inhaltlich verändert wurde. Seitdem bestehe ich darauf, dass ich die Druckversion authorisiere. Und bekomme immer wieder interessante Versionen meiner Texte wieder.

Das wichtigste bei einer Veröffentlichung scheint die Normierung zu sein. Der Verlag oder die HerausgeberInnen entscheiden, wie ein Text auszusehen hat und damit hat sich das. Da wird dann vorgegeben, dass in amerikanischen Englisch zu schreiben ist, obwohl es in dem Sammelband gerade gegen die US-amerikanische Standardisierung von Wissenschaft geht. Oder das Wort 'belongingness' wird abgelehnt, weil es das im Standard-Englisch nicht gibt. Aus 'ethnisiert' wird 'ethnisch'. Und die ganzen vielen Anführungsstriche müssen sowieso weg, weil die den Text so unschön machen.

Was glauben denn all die LektorInnen? Dass ich den Text mal eben so hingeschmiert habe und jedes zufällig vorbeikommende Wort genommen habe? Warum ist es so schwer verständlich, dass meine Sprachwahl durchaus bewusst ist? Dass ich Irritationen bei den LeserInnen bewusst provoziere? Und das ihre Sprachwahl die objektiv richtige und schöne ist?

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Dienstag, 7. November 2006
Das Wesen des Krieges
Die taz berichtet über einen Vortrag zum Thema Krieg:

"In der Einleitung äußert sich der Ökonom und Generalleutnant a. D. Schnell allgemeiner zum Wesen des Krieges. Er stellt Thesen auf, These eins: Krieg hat Zukunft. "Wenn der Krieg von Anfang an zur Geschichte der Menschheit gehört, dann ist anzunehmen, dass der Krieg überwiegend positive Funktionen erfüllt. Wäre es nicht so, dann hätte die Evolution sicherlich längst dafür gesorgt, dass der Krieg als Phänomen verschwunden wäre." Weiter hinten heißt es: "Die Natur ist offensichtlich von A bis Z auf Wettbewerb angelegt, und Kriege sind ihrem Wesen nach spezifische gewaltsam ausgetragene Formen des Wettbewerbs zwischen sozialen Großgruppen. Worum wird konkurriert? Im Wesentlichen um Macht, Ressourcen und die Vorherrschaft der eigenen kulturellen Identität." Noch weiter hinten: "Der Krieg hat seinen Ursprung jedoch nicht nur in den Kosten-Nutzen-Kalkülen der Kontrahenten. Die eigentlichen treibenden Kräfte liegen tiefer. Es ist die Lust an der Macht und an der erfolgreichen Aggression.""

Der Vortrag wird nun - wie ich finde sehr zu recht - angegriffen, aber es gibt auch Leute, die den Aufruhr nicht verstehen:

"Der Historiker Jörg Calließ dagegen warnt vor vorschnellen Urteilen: Schnells Argumente seien durchweg nicht falsch, nur extrem einseitig dargestellt."

Was soll denn das heißen, nicht falsch? Falsch und richtig gibt es in der Wissenschaft sowieso nicht. Aber es gibt Paradigmen, die einfach menschenverachtend und machtstützend sind. Diese Argumentationen scheinen aus einem solchen zu kommen.

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Donnerstag, 27. Juli 2006
Perspektivwechsel
Heute hat die zweite BEST-Konferenz (Black European Studies) in Berlin begonnen. Und schon der erste Nachmittag hat mir neue Perspektiven eröffnet. So vieles muss ich erst noch kennen lernen, so viele Namen sind mir unbekannt, so viele Gedankengänge neu für mich. So anders ist es auf einer Konferenz zu sein, die nicht dominant 'Weiß' ist (und die nicht von Männern dominiert wird).

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