Freitag, 25. November 2022
Fragmentierte Dekolonisierung
Virtuelle Teilnahme an einem Workshop zur Dekolonisierung von Wissen


Diese Woche fand ein Workshop zur Dekolonisierung von Wissen mit einer tunesischen Delegation statt. Die Arbeitssprachen waren die beiden Kolonialsprachen Englisch und Französisch. Etliche der Teilnehmenden beherrschten (so wie ich) nur eine der beiden Sprachen, daher gab es eine Simultan-Dolmetschung. Oder sollte es geben. Sie sollten über Zoom stattfinden, was grundsätzlich eine schlaue Idee ist. Allerdings nur, wenn verschiedene Vorraussetzungen erfüllt sind. Zum einen, müssen alle Teilnehmenden einen stabilen Internetzugang haben. Zum anderen, müssen alle so technisch versiert sein, dass sie sich einloggen können, sich stumm stellen bzw. laut stellen können, etc. Beides war nicht so ganz gegeben.

Und so habe ich die französischen Vorträge nur fragmentiert gehört. Mal bin ich aus dem Netz geflogen. Mal konnten die Dolmetscher_innen nichts hören, weil kein Mikro an war oder zu viele. Sinn machten die Fragmente für mich nur ganz eingeschränkt. Es fehlte der rote Faden. Gut folgen konnte ich nur den englischen Vorträge und mich daher auch nur auf diese beziehen.

Damit war der Workshop auch ein Lehrstück zu den Herausforderungen der Dekolonisierung. Wie gehen wir um mit Vielsprachigkeit? Wer kann Sprachen wie können? Wer kann Übersetzung bekommen? Wer hat ausreichende Infrastruktur fürs Übersetzen? Was machen wir mit fragmentierter Wissensvermittlung?

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Mittwoch, 23. November 2022
Von Weiß bis Grau
Das Taj Mahal in Agra


Zur Zeit ist eine Delegation aus Tunesien bei uns in Delhi. Wir führen einen Workshop zusammen durch und machen auch gemeinsam Ausflüge. Gestern waren wir am Taj Mahal. Dem Sinnbild der Schönheit.

Auf der Rückfahrt von Agra mit dem Bus im Stau in Delhi


Dafür sassen wir über sieben Stunden im Bus. Und stellten fest, dass im Außenbereich von Delhi die Luft noch schlechter ist als im Zentrum. Sie stinkt. Und die Sicht blieb bis Agra eingeschränkt.

Oben: Maske am Morgen - Unten: Maske am Abend nach der Fahrt zum Taj Mahal


Ich trug als fast Einzige durchgängig Maske. (Am Montag beim Workshop bekam ich dafür auch einen blöden Kommentar.) Und am Abend hatte ich dann eine sehr dreckige Maske (die untere).

Heute trugen mehr Leute Maske. Spätestens nachdem ich ihnen das Foto gezeigt habe.

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Sonntag, 20. November 2022
Women, Incarcerated
Buchvorstellung "Women, Incarcerated" im IIC Delhi


Am Freitag war ich bei der Vorstellung des von Mahuya Bandyopadhyay und Rimple Mehta herausgegebenenen Sammelbandes Women, Incarcerated: Narratives from India über Gefängnis und Gender. Der Raum war voll, jeder Stehplatz war belegt, die Sitzplätze sowieso.

Moderiert wurde die Buchvorstellung von der feministischen Historikerin Uma Chakravarti. Die Herausgeberinnen hielen sich kurz und liessen den Panelistinnen den Raum. Die frührere Richterin am Patna High Court Anjana Prakash rauschte rein, sprach und rauschte raus. Die feministische Wissenschaftlerin V. Geetha bot eine komplexe Analyse.

Besonders beeindruckt haben mich die drei feministischen Aktivistinnnen Sudha Bharadwaj, Devangana Kalita und Natasha Narwal, die alle in den letzten Jahren wegen ihres Aktivismus inhaftiert waren und sich mit dem was sie im Gefängnis erlebt haben, vor allem was sie von ihren Mitgefangenen gelernt haben, kritisch auseinandersetzten. Dabei nutzen sie ihre privilegierte Position, um das System zu kritisieren.

Insbesondere Kalita und Narwal betonten, dass die inhaftierten Frauen (überwiegend aus niedrigen Kasten und Klassen) häufig jene sind, die ausserhalb des Gefängnisses patriarchale Grenzen überschritten hätten (ihre Familien verlassen, sich mit Kleinkriminalität finanzieren, etc.) und dafür inhaftiert wurden. Sie plädierten dafür das Gefängnis als politischen Raum auch jenseits der explizit politischen Gefangenen zu sehen. (Bei Scroll.in findet sich auch gerade ein Text von Kalita und Narwal.)

Die letzte Rednerin, die Rechtsanwältin Vrinda Grover stimmte nicht mit allem überein, was die jungen Aktivistinnen sagten. Zur Diskussion blieb ich aber nicht mehr, da der Abend da schon recht weit fortgeschritten war.

Es war aber sehr spannend mit tollen, engagierten und überlegten Rednerinnen.

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Freitag, 18. November 2022
Emergency
Mukundans Buch: Delhi. A Soliloquy


Ich lese gerade Mukundans Roman "Delhi. A Soliloquy" (Rezension auf scroll.on) über Malayalis in Delhi. Es fängt an mit dem indisch-chinesischen Krieg 1962 und gerade bin ich im Jahr 1975 mit der Emergency angekommen. Eindringlich wird die herrschende Angst beschrieben, die Zensur, das Verschwinden von Intellektuellen und die Zwangssterilisationen.

Grundsätzlich wusste ich davon, dass Indira Gandhi den Notstand hatte ausrufen lassen und dass ihr Sohn Sanjay sich vor allem mit den Zwangssterilisationen hervorgetan hat. Ich habe das aber irgendwie nur mit 1977 verbunden. Da ging die Emergency zu Ende und es gab einen Regierungswechsel.

Erst jetzt ist mir bewusst geworden, dass der fünfmonatige Indienaufenthalt meiner Mutter, meines Bruders und mir vor meiner Einschulung mitten in der Emergency 1975/76 stattgefunden hat. Das war nie Teil der Erzählungen über diesen Aufenthalt, anders als die Hitze im April, mein Geburtstagswunsch (eine Kiste Cola) oder der Angriff durch Affen. Und meine Mutter kann sich heute auch nicht mehr so recht erinnern, dass das damals relevant für uns war. Dabei ist sie alleine mit uns Kindern durch das Land gereist.

Spannend, was erzählt und erinnert wird.

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Donnerstag, 17. November 2022
Straßengespräch
Straßenquerung auf der Lodhi Road


Auf dem Weg zum Büro überquere ich immer diese Strasse. Das ist kein Problem, da die Ampeln dafür sorgen, dass es Lücken gibt und es auch eine Mittelinsel gibt, auch wenn sie gerade durch ein Absperrgitter belagert ist.

Gestern habe ich mir die Mittelinsel mit drei jungen Menschen geteilt, die dann vor mir losgegangen sind und schon auf der anderen Seite waren, als ich noch da stand. Sie schauten, ob sie mir helfen sollen. Was nicht nötig war. Kurz darauf hatte ich sie eingeholt, weil meine Beine länger oder meine Schritte größer sind.

Sie fingen ein Gespräch mit mir an, woher ich sei, ob ich reise. Ich meinte, dass ich hier arbeite und forsche. Darauf der Kommentar, das wäre ja interessant, sonst würden Inder_innen (im Englischen ungegendert: Indians) ja in Deutschland forschen. Sie erzählten mir, sie kämen aus dem Süden und spezifizierten auf Rückfrage aus Kerala, worauf ich ihnen dann natürlich erzählte das ich über Malayali Krankenschwestern in Deutschland arbeite. Die drei wiederum bereiteten sich auf die Regerierungsprüfungen vor, um im öffentlichen Dienst (IAS) angestellt zu werden.

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Mittwoch, 16. November 2022
Mary E. John
Mary E. Johns Buch "Women's Studies in India"


Vor gut zehn Jahren habe ich mir für die Lehre in Berlin Mary E. John's Reader "Women's Studies in India" angeschafft. Jetzt habe ich sie hier in Delhi kennengelernt, da sie Teil des ICAS:MP Moduls zu Gender ist. Sie war bei meinem Vortrag im Kolloquium und gestern haben wir uns zum Tee getroffen. Es war mir nicht nur eine Ehre, dass sich eine der wichtigen Gender Studies Scholars in Indien Zeit für mich genommen hat, sondern es war auch sehr nett.

Wir haben uns über meine Forschung zur Krankenschwesternanwerbung unterhalten. Und kamen da auch auf den Vorwurf der Zwangskonvertierung zu sprechen. Ich habe mehr über die Komplexität verstanden und wie so Themen aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten sind (u.a. die überhebliche Position Debatins, die hindu-nationalistische Politik, Glaubensfreheit, etc.). Mary hat mir ein Buch von Sanal Mohan empfohlen, dass ich mir gleich bestellt habe.

Um mehr über Gender Studies/Women's Studies in Indien zu sprechen, hat die Zeit leider nicht gereicht. Wir müssen uns dazu nochmal treffen.

Aber ich habe spannende Ähnlichkeiten und Differenzen unserer Biografien erfahren. Mary hat wie ich eine deutsche Mutter und einen indischen Vater. Sie ist allerdings in Indien aufgewachsen und ist nur während der Promotion ihres Vaters drei Jahre in Heidelberg zur Schule gegangen. Das war Ende der 1960er als dort auch die ersten Krankenschwestern aus Kerala waren. Ob sie die getroffen hat, weiss sie nicht. Ihr Vater war aber auch Malayali und es kann gut sein, dass sie Kontakt hatten.

Ihre Mutter ist in Deutschland geboren, in einer nach Nazi-Kategorien jüdischen Familie. Die Familie ist nach Großbritannien ins Exil gegangen und Marys Mutter kam dann nach dem Krieg als Krankenschwester nach Indien und ist dort geblieben.

Es gibt schon sehr spannende Biografien.

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Montag, 14. November 2022
Bubble
Eine Strasse bestehend aus Schlaglöchern.


Ich bewege mich ganz vorwiegend in meiner Bubble rund um den Lodhi Garden. Ich wohne feudal, kann zur Arbeit durch den Park laufen, muss mich um nichts kümmern, etc.

Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen ich meine Bubble verlasse (um meine Nichte zu besuchen, um zum Kolloquium nach Nord-Delhi zu fahren, aber manchmal auch beim Spazieren), merke ich erst wie privilegiert ich bin.

Die meisten Delhiites pendeln. Über lange Strecken, lange Zeit. Zu meiner Nichte habe ich über eine Stunde gebraucht, nach Nord-Delhi eine Stunde. Das heisst, grosse Teile des Tages werden mit Pendeln verbracht. In überfüllten Metros oder im Stau auf der Strasse mit all dem Dreck.

Wohnverhältnisse gibt es in allen Kategorien. Beim Spaziergang gestern habe ich noch luxuriöse Häuser als das meiner Vermieter_innen gesehen. Bei meiner Nichte war die Wohnung ganz gut, die Strassen aber herausfordernder. Zwischendurch gibt es dann immer wieder ganz einfache, slumartige Behausungen. Viel Verkehr, viel Lärm, viel Dreck, viel Armut.

Es ist ganz klar, dass es mir diesmal so gut in Indien geht, weil ich mich dem Ganzen weitgehend entziehen kann.

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Sonntag, 13. November 2022
Jor Bagh
Blick vor meinem Zimmer


Seit einer Woche (und bis Dezember) wohne ich in einer sehr netten Ein-Zimmer-Wohnung in Jor Bagh. Fußentfernung vom Büro. Ruhig, sauber, gut eingerichtet. Sehr angenehm. Und als Expat kann ich sie mir auch gerade so leisten.

Als deutsches Mittelklassekind ist aber doch einiges gewöhnungsbedürftig. Hier leben Reiche und Berühmte. Mit vielen Angestellten. Zumindest haben meine Vermieter_innen viele, viele Angestellte, die auch mir das Tor aufmachen, mich vor dem Hund beschützen, bei Fragen zur Verfügung stehen, mir Zugang zur Waschmaschine geben (dass ich sie selber füllen darf, hat meine Vormieterin durchgesetzt), den Müll entsorgen und auch einmal die Woche die Wohnung putzen. Da ist es gut, dass ich Downton Abbey geguckt habe, um so ein bisschen zu verstehen, wie das funktioniert, wenn alle möglichen Arbeiten ausgelagert werden und auch das Haus in einen herrschaftlichen und einen Personalteil aufgeteilt ist. So ist z.B. gegenüber von meinem Dach-Appartment ein Personalteil, da wird gearbeitet und wahrscheinlich auch geschlafen.

In meinem Alltag begegne ich viel mehr dem Personal als den Vermieter_innen. Und die Angestellten sind alle sehr freundlich zu mir.

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Samstag, 12. November 2022
Öffentliche Intimität
Paare in Lodhi Gardens


Ich erinnere mich an eine Situation 1995: Mit Verwandten aus Deutschland und Indien waren wir Sightseeing in Agra. Da muss uns ein indisches Paar begegnet sein, dass sich öffentlich als Paar darstellte. Wie genau, weiss ich nicht mehr. Ich weiss aber noch, wie irritiert zwei junge weibliche indische Verwandten davon waren. Es war etwas, das nicht in die Öffentlichkeit gehörte, das sie nachhaltig beschäftigte.

Intimität war sowieso was, was in meiner Familie nicht thematisiert wurde. Arrangierte Ehen waren die Norm. Verlieben und Sexualität waren kein Thema.

Wenn ich heute durch die Lodhi Gardens gehe, sehe ich überall heterosexuelle Paare, die dies sehr öffentlich zeigen. Soviel ich weiss, waren die Lodhi Gardens auch schon früher ein Ort, an dem sich Paare treffen konnten, aber damals eher im Verborgenen, nicht so öffentlich.

Ganz offensichtlich hat sich das Zeigen von Intimität in der Öffentlichkeit massiv verändert. Und es muss sich auch die absolute Dominanz der arrangierten Ehe geändert haben, sonst könnte es diese ganzen sichtbaren verliebten Paare nicht geben.

Letztes Wochenende habe ich meine Nichte (in indischen Verwandtschaftsverhältnissen, nicht in deutschen) besucht. Die hatte schon 2004 eine Love Marriage. Als erste in der Familie. Und dazu noch eine ausserhalb ihrer Kaste. Diesmal konnte ich darüber mit ihrem Mann sprechen. Der meinte, seine Schwester hatte schon vor ihm eine Liebesheirat und so hatte er keine Probleme. Und von unserer Familie hat er auch keine Probleme erfahren. Und das obwohl er Non-Veg ist (also Fleisch isst).

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Freitag, 11. November 2022
Wie antworten?
Am Anfang meiner Zeit im India International Centre (IIC) wurden häufiger andere alleinessende Frauen zu mir an den Tisch gesetzt. Da stand dann immer Konversation an. Und so stellte sich die Frage, wie ich denn auf Fragen zu mir reagiere: den Konventionen angemessen oder näher an dem, was ich denke. Dank des Kontexts IIC musste ich glücklicherweise nicht so sehr darauf antworten, ob ich Indien oder Deutschland lieber mag. Solche Fragen habe ich in anderen Kontexten häufiger bekommen und die richtige Antwort war immer klar. Im IIC war es etwas subtiler. Aber wie sollte ich auf die Frage antworten, ob ich meine Familie hier besuchen würde? Ausweichend? Oder ehrlicher mit: eher nicht, zumindest jetzt noch nicht. (Mittlerweile habe ich meinen ersten Familienbesuch gemacht. Es war nett.)

Ich tendiere zu den provokativen Antworten, da ich keine Lust habe, einfach so den Konventionen zu entsprechen. Und es auch ganz spannend ist, was dann passiert. Aber es hängt natürlich vom Kontext ab.

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