Montag, 14. November 2022
Bubble
Eine Strasse bestehend aus Schlaglöchern.


Ich bewege mich ganz vorwiegend in meiner Bubble rund um den Lodhi Garden. Ich wohne feudal, kann zur Arbeit durch den Park laufen, muss mich um nichts kümmern, etc.

Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen ich meine Bubble verlasse (um meine Nichte zu besuchen, um zum Kolloquium nach Nord-Delhi zu fahren, aber manchmal auch beim Spazieren), merke ich erst wie privilegiert ich bin.

Die meisten Delhiites pendeln. Über lange Strecken, lange Zeit. Zu meiner Nichte habe ich über eine Stunde gebraucht, nach Nord-Delhi eine Stunde. Das heisst, grosse Teile des Tages werden mit Pendeln verbracht. In überfüllten Metros oder im Stau auf der Strasse mit all dem Dreck.

Wohnverhältnisse gibt es in allen Kategorien. Beim Spaziergang gestern habe ich noch luxuriöse Häuser als das meiner Vermieter_innen gesehen. Bei meiner Nichte war die Wohnung ganz gut, die Strassen aber herausfordernder. Zwischendurch gibt es dann immer wieder ganz einfache, slumartige Behausungen. Viel Verkehr, viel Lärm, viel Dreck, viel Armut.

Es ist ganz klar, dass es mir diesmal so gut in Indien geht, weil ich mich dem Ganzen weitgehend entziehen kann.

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Sonntag, 13. November 2022
Jor Bagh
Blick vor meinem Zimmer


Seit einer Woche (und bis Dezember) wohne ich in einer sehr netten Ein-Zimmer-Wohnung in Jor Bagh. Fußentfernung vom Büro. Ruhig, sauber, gut eingerichtet. Sehr angenehm. Und als Expat kann ich sie mir auch gerade so leisten.

Als deutsches Mittelklassekind ist aber doch einiges gewöhnungsbedürftig. Hier leben Reiche und Berühmte. Mit vielen Angestellten. Zumindest haben meine Vermieter_innen viele, viele Angestellte, die auch mir das Tor aufmachen, mich vor dem Hund beschützen, bei Fragen zur Verfügung stehen, mir Zugang zur Waschmaschine geben (dass ich sie selber füllen darf, hat meine Vormieterin durchgesetzt), den Müll entsorgen und auch einmal die Woche die Wohnung putzen. Da ist es gut, dass ich Downton Abbey geguckt habe, um so ein bisschen zu verstehen, wie das funktioniert, wenn alle möglichen Arbeiten ausgelagert werden und auch das Haus in einen herrschaftlichen und einen Personalteil aufgeteilt ist. So ist z.B. gegenüber von meinem Dach-Appartment ein Personalteil, da wird gearbeitet und wahrscheinlich auch geschlafen.

In meinem Alltag begegne ich viel mehr dem Personal als den Vermieter_innen. Und die Angestellten sind alle sehr freundlich zu mir.

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Samstag, 12. November 2022
Öffentliche Intimität
Paare in Lodhi Gardens


Ich erinnere mich an eine Situation 1995: Mit Verwandten aus Deutschland und Indien waren wir Sightseeing in Agra. Da muss uns ein indisches Paar begegnet sein, dass sich öffentlich als Paar darstellte. Wie genau, weiss ich nicht mehr. Ich weiss aber noch, wie irritiert zwei junge weibliche indische Verwandten davon waren. Es war etwas, das nicht in die Öffentlichkeit gehörte, das sie nachhaltig beschäftigte.

Intimität war sowieso was, was in meiner Familie nicht thematisiert wurde. Arrangierte Ehen waren die Norm. Verlieben und Sexualität waren kein Thema.

Wenn ich heute durch die Lodhi Gardens gehe, sehe ich überall heterosexuelle Paare, die dies sehr öffentlich zeigen. Soviel ich weiss, waren die Lodhi Gardens auch schon früher ein Ort, an dem sich Paare treffen konnten, aber damals eher im Verborgenen, nicht so öffentlich.

Ganz offensichtlich hat sich das Zeigen von Intimität in der Öffentlichkeit massiv verändert. Und es muss sich auch die absolute Dominanz der arrangierten Ehe geändert haben, sonst könnte es diese ganzen sichtbaren verliebten Paare nicht geben.

Letztes Wochenende habe ich meine Nichte (in indischen Verwandtschaftsverhältnissen, nicht in deutschen) besucht. Die hatte schon 2004 eine Love Marriage. Als erste in der Familie. Und dazu noch eine ausserhalb ihrer Kaste. Diesmal konnte ich darüber mit ihrem Mann sprechen. Der meinte, seine Schwester hatte schon vor ihm eine Liebesheirat und so hatte er keine Probleme. Und von unserer Familie hat er auch keine Probleme erfahren. Und das obwohl er Non-Veg ist (also Fleisch isst).

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Freitag, 11. November 2022
Wie antworten?
Am Anfang meiner Zeit im India International Centre (IIC) wurden häufiger andere alleinessende Frauen zu mir an den Tisch gesetzt. Da stand dann immer Konversation an. Und so stellte sich die Frage, wie ich denn auf Fragen zu mir reagiere: den Konventionen angemessen oder näher an dem, was ich denke. Dank des Kontexts IIC musste ich glücklicherweise nicht so sehr darauf antworten, ob ich Indien oder Deutschland lieber mag. Solche Fragen habe ich in anderen Kontexten häufiger bekommen und die richtige Antwort war immer klar. Im IIC war es etwas subtiler. Aber wie sollte ich auf die Frage antworten, ob ich meine Familie hier besuchen würde? Ausweichend? Oder ehrlicher mit: eher nicht, zumindest jetzt noch nicht. (Mittlerweile habe ich meinen ersten Familienbesuch gemacht. Es war nett.)

Ich tendiere zu den provokativen Antworten, da ich keine Lust habe, einfach so den Konventionen zu entsprechen. Und es auch ganz spannend ist, was dann passiert. Aber es hängt natürlich vom Kontext ab.

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Mittwoch, 9. November 2022
Dreck in der Luft
Vor drei Wochen habe ich mir einen Luftreiniger gekauft und seitdem auch regelmäßig genutzt. Gestern hat er angezeigt, dass der zu reinigende Filter (einer von drei Filtern in dem Gerät) gereinigt werden muss. Also habe ich das heute gemacht. Der Filter hat in den letzten Wochen ordentlich Dreck aus der Luft gefiltert:

Der waschbare Filter des Luftreinigers nach 3 Wochen in Delhi.


Gereinigt, ist der Filter übrigens durchsichtig:

Gereinigt, kann mensch durch den Filter durchschauen.


Ich habe heute auch wieder Kopfschmerzen. Das kann auch an anderem liegen. Dass der Smog damit nichts zu tun hat, ist aber unwahrscheinlich.

Vorsichtshalber habe ich gerade auch Ersatzfilter für die beiden anderen Filter bestellt. Gut, dass ich so privilegiert bin, mir das leisten zu können.

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Lüften
Offenes Fenster mit Fliegengitter


Gestern Abend war draussen auf einmal Wind. Ich bin kurz raus auf die Dachterasse und es war angenehm kühl. Drinnen hingegen war es stickig. Ich hatte zum erstenmal gekocht und der Geruch hing im Zimmer. Ausserdem lief die Klimaanlage, weil es so warm war.

Also habe ich die Fenster aufgemacht und die Fliegengitter wieder schön verschlossen. Auf Moskitos habe ich ja auch keine Lust. Und es gab tatsächlich einen angenehmen Durchzug.

Der Luftreiniger arbeitet auf höchster Stufe


Aber dann sprangen alle drei Luftreiniger auf rot. Die Luft war wohl nicht so frisch, sondern eher sehr dreckig. Ich habe also schnell wieder die Fenster zugemacht. Die Luftreiniger haben gearbeitet bis sie wieder auf blau waren. Und heute zeigt der eine an, dass der Filter gereinigt werden muss.

Lüften ist wohl keine so richtig gute Idee.

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Dienstag, 8. November 2022
Metro
Metro-Station Jor Bagh


2002 wurde das erste Stück der Metro eröffnet. 2012 als ich das letzte mal in Delhi war, gab es bereits ein gutes Netz und jetzt gehört die Metro zu den normalen Verkehrsmitteln der indischen Hauptstadt.

Metro-Bahnsteig Jor Bagh


Die Metro ist modern, effizient und recht günstig. Am Sonntag bin ich zum erstenmal (seit 2012) wieder mit ihr gefahren.

Ladies Coaches: Women only


Natürlich in einem Ladies Coach. Der ist immer ganz am Anfang des Zuges und schön pink ausgezeichnet. Das verstehen aber nicht alle Männer. Ab und an muss einer explizit darauf hingewiesen, dass er falsch ist. Die einen steigen dann (nach etwas Überlegung) aus, die anderen verweisen darauf, dass sie ihre Ehefrau begleiten müssen (soweit meine Erfahrung von Sonntag).

In der Pink Line.


Ausreichend Sitzplätze gibt es auch im Frauenabteil in der Regel nicht. Aber wenn es eng wird, steht frau zumindest nicht zwischen Männern.

Umstieg in der Metro Dili Hat - INA


Die Metro ist ein beliebtes Verkehrsmittel. Mit einer guten Infrastruktur.

Einstieg Dili Hat-INA


Manchmal wird es aber eng. Und wenn der Aufzug am Anfang des Bahnsteigs ist und daneben der "Women only"-Bereich, dann kann es schon mal eng werden. Dann braucht es einen Mann mit Megafon, der versucht die Masse zu lenken, wenn auch mit wenig Erfolg.

Auf dem Foto sind es noch so 6 Minuten bis Abfahrt. Es ist noch relativ leer und wurde immer voller. Ich hasse Massen und halte mich lieber im Hintergrund. Aber ich hatte eine Verabredung und die nächste Bahn wäre sicher nicht leerer gewesen. So habe ich dann mitgedrängelt. Einstieg ist nämlich vor Ausstieg, sonst kommt frau vielleicht nicht mit. Drinnen war es dann sardinig. Ein paar Männer vertrieb ich mit der Frage, ob sie Frauen seien oder Gender Bender. So hatte ich nur Körperkontakt mit Frauen. (Als junge Frau hatte ich in einem indischen Bus mal sehr viele Männerhände an meinem Körper, danach bin ich nie wieder Bus gefahren.) Und mein Kopf ragte über die anderen hinaus, so dass ich keine schlimme Platzangst bekommen musste.

Interessant wurde es dann bei der nächsten Station, denn da wollten alle wieder raus. Nur ich nicht. Also blieb ich stehen. Es hilft, wenn frau einen Kopf größer und doppelt so schwer ist wie all die Menschen, die rauseilen. Ich fühlte mich wie ein Fels, auf den die Brandung donnert, um dann um ihn rum zu fliessen. Ich blieb stehen und auf einmal war der Wagen angenehm leer. Sobald die Metro oberirdisch war, konnte ich dann die Aussicht geniessen. Soweit der Smog das zuliess.

Aussicht aus der Metro


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Montag, 7. November 2022
Smog
Blick aus der Metro über Delhi


Gestern bin ich mittags mit der Metro durch Süd-West-Delhi gefahren. Dunst hing über der Stadt. Und dabei war es gestern schon besser als noch vor ein paar Tagen.

Am Freitag lag der Air Quality Index bei 450, wie Scroll berichtet. Das ist in der "severe category", also ernst, schlimm, schwerwiegend. Die Regierung rät dann dazu, körperliche Anstrenungen im Freien zu vermeiden. Das muss mensch sich aber auch erstmal leisten können wie Scroll berichtet, viele müssen ihrer Arbeit im Freien nachkommen, sonst haben sie kein Einkommen. Auch das Schliessen der Grundschulen ist nur für die Kinder von Vorteil, deren Atemluft zu hause besser ist als in der Schule.

Als Gründe für den Smog werden in der Regel angegeben: Felder abbrennen im Punjab und Haryana, Feuerwerk zu Diwali, Bauarbeiten, schlechte Klimabedingungen, etc.. Was selten erwähnt wird, ist der Verkehr. Der trägt aber laut Indian Express zu über 50% zum Smog bei, ist also der Hauptgrund (Scroll hat dazu ein 30minütiges Interview). Ist das hier wie in Deutschland, dass über den Verkehr nicht gesprochen werden darf, weil alle Entscheider_innen weiter mit ihrem Auto fahren wollen?

Nachtrag 08.11.22: Scroll geht auch nochmal darauf ein, warum Verkehr nicht zum Thema gemacht wird (und insgesamt zu wenig gegen den Smog gemacht wird).

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ICAS:MP Fellowship
Video über mein ICAS:MP-Projekt

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Dienstag, 1. November 2022
Gegen Missionare
Ich forsche über die Anwerbung von Krankenschwestern aus dem südindischen Kerala in die BRD in den 1960ern.

Titelseite von Hubert Debatins "Tagebuch einer Indienfahrt" von 1968


Ein wichtiger Anwerber war der Stettfelder Pfarrer Debatin. Gerade habe ich sein Tagebuch seiner Indienreise im Herbst 1967 gelesen (Tobias Großmann hatte mich auf dieses Buch hingewiesen). Die ist in vielerlei Hinsicht interessant, aber für den heutigen Post vor allem, weil er da mehrmals anspricht, dass es Stimmungsmache gegen christliche Missionare gibt. Das war für ihn relevant, da es immer wieder kritische Berichterstattung über die Anwerbung der Krankenschwestern gab und es in dem Kontext auch immer wieder um Missionare ging.

Auszug aus einer Lok Sabha-Debatte von 1970


1970 führte die kritische Berichterstattung zu einer Debatte im indischen Parlament (Tobias Großmann hatte mich gebeten, diese Parlamentsdebatte in den Archiven zu recherchieren), bei der es vordergründig um das Wohl der jungen Frauen ging und hintergründig darum gegen Christ_innen Stimmung zu machen. Eingebracht wurde das Thema von der Jana Sangh, den Hindu-Nationalist_innen, die damals noch in der Opposition waren und inzwischen schon lange an der Regierung sind.

Christliche Missionar_innen sind immer noch etwas, wogegen sie nicht nur Stimmung sondern auch Gesetze machen. Daher hat es mich nicht verwundert, als ich in der Hindustan Times las, dass in Assam sieben Deutsche wegen unerlaubten Missionierens festgenommen wurden (hier ein Artikel von india times). Assam ist zudem als Teil des Nordosten sowieso ein sensitiver Bereich Indiens, der unter besonderer Beobachtung steht.

Verwundert hat mich dann aber das Statement der Gossner Mission und die deutsche Berichterstattung (z.B. der Tagesspiegel). Die tuen so, als ob damit nicht zu rechnen war. Als ob das völlig überraschend war. Wenn die Gossner Mission seit über 100 Jahren in Indien aktiv ist und Kontakte zu Assam aufbauen will, dann muss sie doch wissen, wie die politischen Rahmenbedingungen sind. Das heisst nicht, dass man diese gutheißen muss, aber so überrascht tun, finde ich schon recht seltsam.

Nachtrag 11.11.22: Heute eingefügt: auf die historischen Quellen wurde ich von Tobias Großmann hingewiesen.

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