Sonntag, 29. März 2020
Langsam wieder Alltag
Langsam entspanne ich mich etwas. Ich verfolge zwar weiter die Nachrichten, versuche mich aber weniger verrückt zu machen.

Strukturen für das Interaktionen auf Distanz entwickeln sich. Das Institut mumbled jetzt. Und wir schaffen, was auch offline normal ist: Die Sitzung dauert ewig, mehr als zwei Stunden. Ist aber auch gut. Ich arbeite wieder konzentrierter. Ich reagiere nicht mehr nur auf Corona-Meldungen.

Und auch die Freizeit kommt nicht zu kurz. Wir spielen inzwischen nicht nur zu zweit, sondern auch wieder in der gewohnten Spielerunde zu viert. Mit zwei Spielen, zwei Computern samt Webcams kein größeres Problem (nachdem wir eine Videokonferenz gefunden haben, die bei beiden funktioniert). Wenn nur die Monster nicht gegen uns gewonnen hätten.

Hogwarts Battle per Videokonferenz


Und die Cousine in Neuseeland ist auf einmal nicht mehr so fern. Die Kommunikation mit ihr gleicht den anderen zur Zeit, nur dass wir die Zeit für den Anruf besser absprechen müssen.

Für die Eltern haben wir noch keinen lieferenden Online-Shop gefunden. Aber ihre Vorräte sind erstmal aufgestockt und vor Ort könnten sich Alternativen auftun. Sie sind zuversichtlich.

Mit festem Einkommen, ausreichend großer Wohnung und Südbalkon ist zu hause bleiben ganz okay.

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Montag, 23. März 2020
Online-Shopen für Senior_innen
Senior_innen sollen nicht einkaufen gehen. Ich kann für meine Eltern nicht einkaufen gehen, da ich am anderen Ende der Republik lebe. Mein Bruder auch nicht. Also online einkaufen.

Mit meiner Mutter war ich heute zwei Stunden am Telefon, habe sie durch das Menu ihres Supermarktes geführt. Gemeinsam haben wir die 50 € Mindestbeitrag in den Warenkorb gelegt. Ein Konto angelegt. Und festgestellt, es gibt in den nächsten zwei Wochen keinen freien Liefertermin. Und mehr Termine gibt es nicht. Also habe ich gesucht, wo ich auf Abholtermin ändern kann. Mit Mühe gefunden. Frühestens am 31.03. Und viele der ausgewählten Produkte waren nicht zu haben. Da war die Geduld meiner Mutter (und auch von mir) am Ende. Bis dahin hatte sie sich wirklich wacker geschlagen. Wir haben abgebrochen.

Meine Eltern fahren morgen in den Supermarkt und machen ihren Einkauf. Und übermorgen telefonieren wir wieder, um den Einkauf für in zwei Wochen als Abholtermin zu organisieren. Hoffentlich klappt das.

Eine wirkliche Option für Senior_innen ist das aber nicht. Überhaupt nicht selbsterklärend. Viel zu vorraussetzungsvoll.

Nachtrag: Vielen Dank für die Kommentare und diversen Tipps, die ich auch über andere Wege bekommen habe.

Mir ging es allerdings nicht primär um meine Eltern, sondern um etwas grundlegenderes: Online-Shopping sollte so programmiert werden, dass gerade auch Ältere sich leicht zurecht finden können und das Angebot nutzen können. Und vielleicht sollte auch der Lieferservice erstmal für die Risikogruppen reserviert werden.

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Sonntag, 22. März 2020
Aus dem Home Office einer Gastprofessorin
Eigentlich unterscheidet sich Home Office nicht wesentlich von dem, was ich sonst in der vorlesungsfreien Zeit mache. Im Gegenteil es ermöglicht mir eigentlich das, was ich machen will: Schreiben.

Aber so richtig funktioniert es nicht. Ich bin zu unruhig, kann mich zu wenig konzentrieren. Die allgemeine Lage. Und die Eltern im Speziellen. (Gerade versuchen mein Bruder und ich zu klären, wie sie auf den Supermarktbesuch verzichten können, wenn der nächste Liefertermin für Onlineshopping erst Anfang April ist.) Und ein bisschen auch ein schlechtes Gewissen, weil es mir so gut geht (festes Gehalt, ruhiges Arbeiten von zu hause aus) und andere viel prekärer sind, mehr arbeiten müssen, etc.

In diesen Krisenzeiten so viel zu leisten wie sonst, ist nicht einfach. Daher unterstütze ich für den Unibereich den Das Sommersemester 2020 muss ein „Nichtsemester“ werden – Ein offener Brief aus Forschung und Lehre. Wir können nicht so tun, als ob alles einfach so weiterlaufen kann. Das überfordert die Studierenden, die Lehrenden und wie wir gerade merken auch die technische Infrastruktur. Wenn der Unibetrieb im Sommersemester reduziert wird, werden vielleicht auch Ressourcen frei, um beim Krisenmanagement zu helfen.

Mir ist klar, Andere können sich nicht zurücklehnen und entschleunigen (der medizinische Bereich, der Lebensmittelbereich, etc.). Viele können sich nicht vor dem Virus schützen (Menschen in Lagern, auf der Straße, etc.). Die brauchen Unterstützung.

Nett fand ich letzte Woche den Kommentar einer der Mitarbeiterinnen im Bioladen: "Wir sind systemrelevant aber nicht staatstragend." Da könnte Potential drinstecken.

Nachtrag 23.03.20: Hier jetzt auch offiziell der Offene Brief für ein Nicht-Semester.

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Freitag, 13. März 2020
Forschungsbetrieb einstellen
Der Berliner Senat und die Hochschulen haben heute unter anderem beschlossen:

"Forschungsbetrieb kann im Einklang mit den hier angeordneten und empfohlenen Maßnahmen in begründeten Einzelfällen fortgeführt werden, nach Ermessen der jeweiligen Einrichtung."

Darf ich jetzt nur weiter lesen, denken und schreiben, wenn ich das erst begründe und dann genehmigt bekomme? Und dürfen meine Kolleg_innen das dann nicht mehr, weil es sonst kein Einzelfall mehr ist?

Ich hatte ja gedacht, dass ich die erzwungene Auszeit hervorragend zum Forschen nutzen kann. Wann habe ich sonst so viel Zeit zum Lesen, Denken und Schreiben?

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Fehlende Ausfallhonorare
Bis Herbst bin ich noch festangestellt mit gutem Gehalt. Da machen mir Veranstaltungsabsagen (finanziell) nichts aus. Als Freiberuflerin ist eine Absage, wie ich sie heute für Montag bekommen habe, existentiell bedrohlich. Es ist bereits Arbeit in die Vorbereitung gesteckt worden, möglicherweise sind andere Aufträge für diesen abgesagt worden, andere Aufträge lassen sich so schnell nicht akquirieren und das Honorar fällt komplett aus. Die meisten (wenn nicht alle) Verträge, die ich bisher unterzeichnet habe, sehen keine Ausfallhonorare vor. In der Vergangenheit hat mich das auch schon betroffen, wenn die Veranstaltenden kurzfristig wegen zu wenig Teilnehmender abgesagt haben.

Die Forderung sollte sein: Kein Vertrag mit Selbständigen ohne Ausfallhonorar!

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Donnerstag, 12. März 2020
Wenn das Virus näher kommt
Bis jetzt gehörte ich zu den Coolen. Wird schon nicht so schlimm werden. Macht mal nicht so eine Panik. Andere Dinge sind wichtiger. Zum Beispiel die tödliche Festung Europa.

Dann beschliesst der Berliner Senat und die Berliner Hochschulen Sofortmaßnahmen für die Berliner Wissenschaft gegen die Verbreitung des Coronavirus und auf einmal zieht mich der Strudel in die Hektik rein. Unsere Tagung im Juni müssen wir wohl absagen. Können wir sie verschieben? Was muss alles geregelt werden? Und wie läuft das mit der Lehre? Wie lässt sich digitales Lehren organisieren? In all den Fragen und der Hektik kann mensch ganz aufgehen. Auf einmal bin ich überrascht, dass die Konferenz in London im Mai stattfinden soll. Haben die noch nichts von Corona gehört?

Ein Wechselbad der Gefühle. Dabei geht es mir ziemlich gut. Es ist gerade vorlesungsfreie Zeit. Ich kann von zu hause arbeiten, werde bezahlt und die vorlesungsfreie Zeit ist sogar verlängert.

Ich verstehe schon, dass die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden muss. Aber der totale Fokus darauf ist problematisch. Darüber werden andere Skandale vergessen. So brauchen auch die Geflüchteten am Mittelmeer eine Chance auf menschenwürdiges Leben. Bei ihnen geht es ganz unabhängig vom Virus um Leben und Tod.

Nachtrag 13.03.20: Die Europäische Ethnologin Alexandra Schwell spricht in einem Interview über die Emotionen rund um das Coronavirus.

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