Donnerstag, 6. Juli 2006
Trauer und Jubel
Fußballdeutschland trauert. Ich bin zutiefst erleichtert, wie auch yeahpope. Ich gebe zu, dass ich dabei etwas nach dem St. Florians-Prinzip ("Lieber Sankt Florian, beschütz mein Haus, zünd das Haus des Nachbarn an" oder so ähnlich) verfahre. Denn natürlich wünsche ich auch Italien keinen nationalen Taumel. Und ich befürchte, dass das auch in dem Land nichts Gutes ist. Aber ich bin total erleichtert, dass ich hier nicht den kollektiven "Wir sind Weltmeister"-Jubel erleben muss und empirisch testen kann, ob meine Befürchtungen sich bewahrheiten. Mit dem Ausscheiden, wenn auch einem sehr späten, habe ich die Hoffnung, dass Schwarz-Rot-Gold, "wir sind wieder wer" und "Deutschland Deutschlaaaand" wieder etwas abnehmen.

Ich verstehe nach wie vor nicht, warum alle diesen sogenannten 'positiven Patriotismus' so positiv finden. Ja, es gibt ein Gemeinschaftsgefühl unter vielen. Aber dieses geht einher mit ganz klaren Ausgrenzungen, nationalen Stereotypen und Diskriminierungen aufgrund von angenommenen 'nationalen' Zugehörigkeiten. Vorkommnisse wie auf der Berliner Fanmeile:

... Frau mit der Berliner Schnauze, die kurz zuvor noch prophezeit hat, die "Spaghettis" würden gleich aus dem Turnier fliegen ...

und

"Nur wenige Tifosi hatten sich auf die Fanmeile getraut, die einem schwarz-rot-goldenen Hexenkessel glich. Und so hielten sich Anfeindungen und chauvinistische Pöbeleien auch in Grenzen. "Ihr seid Bäcker, kleine Pizzabäcker, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission", hieß es dann und wann zur Melodie einer Bonnie-Tyler-Schmonzette."

oder wie unter dem Titel Fanmeile wird zur Deutschlandmeile berichtet:

"Ein Mann im Italien-Trikot wird aufgefordert, lieber Pizzen auszufahren als hier rumzustehen."

oder unter dem Titel Nationale Gröler mit Hool-Attitüde zum Popkick im Treptower Park:

Sobald Klinsmanns Elf einläuft, fühlt sich eine Handvoll grölender Jungmänner in Deutschland-Trikots zuständig, für Stadionstimmung zu sorgen: Buh- und Pfui-Rufe für die Italiener, "Deutschland, Deutschland"-Rufe für die "Unseren". Als ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart nach einem Platz sucht, schreien sie: "Osama, setz dich hin!"

und weiter:

Merkwürdig genug, doch sobald das Spiel beginnt, übernimmt wieder die Fanfraktion - und kennt jetzt verbal kein Halten mehr. Von "Scheiß Spaghettischweine" bis "Wir verbacken euch zu Pizza" reicht die Palette der Zwischenrufe ...

und:

Inzwischen hat sich auch auf der linken Wiesenseite eine Fraktion aus ganzkörperbeflaggten Jungs und Mädchen gebildet, deren Sprachschatz ausschließlich aus dem Wort "Deutschland" zu bestehen scheint. Jeder Fall eines Italieners, ob Schwalbe oder echt, wird höhnisch mit "aua" oder "steh auf, du Arschloch" kommentiert. Kurz vor Ende der zweiten Halbzeit fordert ein Chor von links und rechts: "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!"

Italiener will man spätestens da nicht mehr sein, erst recht nicht nach den beiden Toren ...


Was ist an diesem 'deutschen' Patriotismus postitiv? Warum wird toleriert, dass der kollektive Taumel, sich so gegen andere 'Nationen' wendet? Das Spiel gegen 'Italien' war da nicht anders als die vorherigen.

Nachtrag 04.10.06: Rassistische Kommentare sind wohl auch in der Kabine normal gewesen wie die taz über Sönke Wortmanns Jubelfilm schreibt:

"Wir wissen, wie unser Trainer brüllt, und auch, dass wir Gegner - zumal wenn es sich um böse Italiener handelt - ruhig mal "Scheißer" nennen dürfen."

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Na sorry mal:). Ich denke es ist ganz legitim und sogar toll, wenn die Deutschen mal ausgiebig mal ihre Fahne schwenken dürfen. Ich habe immer das Gefühl, die Deutschen müssen sich Ewig auf Ewig, dafür rechtfertigen, was deren Gross und Gross Gross Eltern verbrochen haben. Glaubst du die Italiener, oder Engländer oder was auch immer, kommen nicht mit solchen Sprüchen an? Und da sagt auch keiner was. Man muss wirklich nicht immer alles gleich negativ sehen nur weil ein Deutscher mit der Fahne schwenkt. Dieser deutsche Patriotismus ist positiv und das ist auch gut so. Meine Güte, dass ist Fussball!

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Unabhängig von liam_dangs Position (dass mein Beitrag unter seinem steht, liegt daran, dass ich so ein Ding nicht bedienen kann) möchte ich anmerken: Das ist meiner Empfindung nach nicht ernst. Das ist kein Nationalismus, sondern augenzwinkerndes Fangeseiere, was sowieso nicht ganz ernst zunehmen ist. Selbstverständlich kann soetwas auch der Vorbote eines Nationalismus sein bzw. den ansonsten nicht sichtbaren Nationalismus zum Vorschein bringen. Daher ist ein Kommentar dazu auch richtig, aber eine Bewertung zu früh.

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"Was ist an diesem 'deutschen' Patriotismus positiv?"

Der Knackpunkt liegt allein darin, ob man diese Beispiele als symptomatisch für den Normalfall ansieht, als Indizien für eine generelle Haltung, oder aber als nicht repräsentative Einzelfälle, die aufgrund von Gebaren und Lautstärke eine überproportionale Aufmerksamkeit erhalten.

Sie haben sich für Ersteres entschieden, definieren die im Artikel beschriebenen grölenden Dumpfbacken als Repräsentanten. Sie sind es nicht.

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