Donnerstag, 2. Juli 2015
Ganz Afrika
Ich liege bei meiner Physiotherapeutin auf der Packung. Entspannend. Sie fängt in der Nachbarkabine eine Behandlung an und spricht mit dem Patienten. Einfühlsam und unterstützend wie immer.

Das Problem ist nur, der Patient lässt seinen gesamten Lebensfrust raus. Alles ist zu teuer. Die Geschäfte nehmen einen aus. Zur Kur geht er nach Ungarn, weil es in Deutschland zu teuer ist. Aber zu Silvester essen die seltsame Dinge, das hat ihm nicht gefallen. Und dann kommt noch ganz Afrika und ganz Asien nach Deutschland. Da muss man sich nicht wundern, wenn Asylbewerberheime angesteckt werden. Die Physiotherapeutin ist durchgehend zustimmend.

Meine Entspannung schwindet immer mehr. Ich habe das Bedürfnis aufzuspringen und wegzugehen. Stattdessen mische ich mich ins Gespräch ein. Sage, dass sie aufpassen sollten, weil Asien schon im Raum sei. Ich will nur, dass sie aufhören.

Die Physiotherapeutin fragt nach, wieso Asien, wo ich den herkomme, dass man mir das gar nicht ansieht, wann ich hergekommen bin und dass man meiner Sprache anhört, dass ich hier geboren bin. Dann fangen die beiden ein Gespräch über Indien und wie schlimm das da ist an. Ich widerspreche. Der Patient kommt wieder zurück auf ganz Afrika (ganz Asien lässt er jetzt weg). Ich widerspreche wieder und formuliere jetzt, dass ich mich bei dem rassistischen Reden unwohl fühle. Die Physiotherapeutin weisst jetzt daraufhin, dass der Patient ein Hörgerät hat (Probleme mit Hören gab es allerdings nicht) und beendet sehr bald seine Behandlung.

Als sie dann zu mir kommt, reden wir gar nicht darüber. Sie macht wie gewohnt eine einfühlsame Behandlung.

Vor der Verabschiedung sage, ich dass ich es schwer erträglich fand. Sie verweist auf das hohe Alter des Patienten und das man mit ihm nicht diskutieren könne.

Da hat sie sicher recht. Ich verstehe auch, dass sie bei Behandlungen nicht in Konflikte geht, denn schliesslich geht es um Entspannung. Was ihr aber wohl nicht ausreichend klar ist, dass sie mit diesem Handeln andere Zuhörende sehr anspannen kann.

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Samstag, 27. Juni 2015
Kreuzberger CSD
Kreuzberger CSD 2015


Aus dem Aufruf "Keine pinke Camouflage – Queer bleibt RADIKAL":

"Gemeinsam gehen wir auf die Straße – für ein selbstbestimmtes Leben und für die Emanzipation von einem System, das Menschen ausgrenzt, abschiebt, stigmatisiert, pathologisiert und diskriminiert! Wir lassen uns nicht instrumentalisieren und gegeneinander ausspielen!"

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Freitag, 26. Juni 2015
Staatsangehörigkeit entziehen
Wieder einmal werden Gründe gesucht, Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit zu entziehen. Laut taz sollen IS-Kämpfer mit doppelter Staatsangehörigkeit ihren deutschen Pass verlieren.

In einem taz-Kommentar argumentiert Christian Rath, wie diese Regelung weniger der Verhinderung von Terrorismus und mehr der Ausgrenzung von Mehrstaatler_innen dient:

Der drohende Verlust der Staatsangehörigkeit wird niemanden davon abhalten, in den Kampf zu ziehen. IS-Kämpfer machen sich sowieso strafbar. Jenen, die ausschliesslich die deutsche Staatsangehörigkeit haben, kann diese nicht entzogen werden.

Und so schliesst Rath:

"Doch schon vor seiner ersten Anwendung hätte ein derartiges Gesetz kontraproduktive Wirkung. Allen Doppelstaatlern würde mal wieder gezeigt, dass sie Deutsche zweiter Klasse sind und dass ihre Staatsbürgerschaft jederzeit zur Disposition der deutschen Politiker steht."

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Dienstag, 23. Juni 2015
Internationaler Yoga Tag
Die Medien sind voll. Auch die sozialen Medien. Alle Welt macht Yoga. Zusammen an einem Tag. Durchgesetzt hat das der Premierminister Indiens, Narendra Modi. Der hat auch mitgemacht am Yoga Tag. Und eine Ansprache gehalten. Die wurde unter anderem am Brandenburger Tor übertragen. Mit Yoga-Matten davor.

Wissen die ganzen Yoga-Machenden eigentlich, wer da zu ihnen spricht? Wer Yoga zum Teil seines hindu-nationalistischen Indiens macht? Wie geht die ganze friedfertige Rhetorik des Yoga(-Tages) zusammen mit der Politik der Hindu-Nationalist_innen rund um Modi? Mit Pogromen gegen Muslim_innen und andere Marginalisierte? Mit Heterosexismus und Chauvinismus in jeglicher Form?

Meine aktivistischen FB-Freund_innen aus Indien haben alle nicht zum Yoga-Tag aufgerufen. Ganz im Gegenteil, sie haben zum Boykott aufgerufen, um die nationalistische Vereinnahmung von Yoga zu verhindern. In deutschen Medien habe ich davon nichts mitbekommen. Wie allgemein Kritik an Modi kaum geäußert wird.

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Sonntag, 21. Juni 2015
Coming in
In einem Videoregal eines großen Technik-Geschäfts.


Kürzlich schaute ich mir die Videoauswahl in einem der großen Technik-Geschäfte an. Gleich zwei Filme mit dem Titel "Coming in" waren im Angebot. Und beide beschäftigten sich damit, dass Schwule Hetero werden. Kann es natürlich geben. Spannend ist aber doch, dass gleich mehrere Filmemacher_innen das Bedürfnis haben, auf diese Weise die Hetero-Welt wieder zurecht zu rücken.

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Dienstag, 9. Juni 2015
Veranstaltung in Braunschweig: Integration
Der AStA der TU Braunschweig hat mich diesen Freitag um 20.00 Uhr zum Vortrag eingeladen:

Was heißt eigentlich Integration?
Rassismuskritische Überlegungen zu einer gesellschaftlichen Debatte

Integration ist ein vieldiskutiertes Thema in Deutschland. Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund werden dazu aufgefordert, sich zu integrieren. Ihre Integration in die Gesellschaft wird in Frage gestellt oder gar für unmöglich gehalten. Im Vortrag wird diese Debatte aus einer rassismuskritischen Perspektive betrachtet und gefragt, was nötig wäre, um eine Gesellschaft zu gestalten, an der alle gleichberechtigt teilhaben können.

Mehr Informationen zur Veranstaltung auf Facebook.

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Freitag, 5. Juni 2015
Leseempfehlung: Havarie von Merle Kröger


Das Mittelmeer. Männer versuchen es in einem Schlauchboot zu überqueren. Auf der Suche nach einem besseren Leben. Das ist ein Erzählstrang von Merle Krögers neuem Roman „Havarie“ (ariadne kriminalroman).

Es geht aber nicht nur darum. Vielmehr bringt Merle Kröger in ihrem Roman verschiedene (Lebens)Geschichten zusammen. Es gibt kein einfaches Gut und Böse. Auch die Menschen auf dem Kreuzfahrtschiff, das auf das treibstofflose Schlauchboot trifft, die Besatzung eines Frachters, der in der Nähe fährt, und die Besatzung des Seenotrettungsschiffs, das die Schlauchbootfahrenden aufnehmen soll, sind komplexe Personen und haben ihre eigene Geschichten. Sie sind mehr als nur einfach reiche Reisende, proletarische Touristen oder privilegierte Schiffsoffiziere. Ihre Geschichten werden von Merle Kröger in den verschiedenen Erzählsträngen entwickelt und verwickelt. Die historischen Bezüge gehen dabei vom Halbmondlager (zu dem Philip Scheffner und Merle Kröger den Film Halfmoon Files gemacht haben) bis zu den kriegerischen Konflikten in der Ukraine und Syrien heute. Dabei entwickeln sich diese Geschichten organisch. Trotz ihrer Vielzahl werden es nicht zu viele.

Die meisten Charaktere haben dabei auch sympathische Züge. Nur Nike, der Sicherheitschef an Bord des Kreuzfahrtschiffs, wirkt durch und durch unsympathisch. Ein Vertreter der indischen Mittelklasse, ein BJP-Anhänger und in die Pogrome gegen Muslime in Gujarat 2002 verwickelt. Und mit Urmila verheiratet, die sich um Haus und Kinder kümmert. (Das hat durchaus Anklänge an die mythologische Urmila.)

Eine spannende Lektüre. Sehr zu empfehlen.

Und ich bin schon gespannt auf den Dokumentarfilm zum Thema. Denn ‚Havarie‘ ist wie ‚Grenzfall‘ die fiktive Verarbeitung von einem realen Fall, zu dem Philip Scheffner und Merle Kröger einen Dokumentarfilm gemacht haben (der Film „Revision“) bzw. machen.

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