Samstag, 18. Juli 2015
Arbeitssuchend
Ich habe zur Zeit eine befristete Anstellung. Die läuft im Herbst aus. Also habe ich mich arbeitssuchend gemeldet. Und jetzt muss ich die ganzen bürokratischen Schritte durchlaufen. Gerade sollte ich mein Bewerberprofil online ausfüllen. Ganz viele Drop down-Menus und ganz selten mal, dass der Begriff, der für mich passen würde, dabei war. Frei lassen ging aber auch nicht. Also habe ich mir kreativ irgendwelche Berufsbezeichnungen ausgesucht und im Freitext dann geschrieben, dass die nicht passen und ich eigentlich xy gewesen bin. Dann sollte ich Stellengesuche formulieren. Irgendwie fand ich es aber nicht sinnvoll zu schreiben "Sehr geehrte Leser_in, ich such eine Anstellung als Professorin, wenn sie eine offene Stelle haben, schicke ich Ihnen gerne mein Bewerbungsunterlagen." oder "Sehr geehrte Leser_in, ich möchte mich für Drittmittelförderung bewerben, wenn Sie Geld zu vergeben haben, dann melden Sie sich doch bitte bei mir.". Mal sehen, wie das weitergeht.

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Freitag, 17. Juli 2015
Langfristwirkung
In den Jahren 2009/10 habe ich gefühlt unendlich viele rassismuskritische Workshops zur Vorbereitung auf das weltwärts-Programm gegeben. Die waren jeweils drei Stunden lang und hatten in der Regel 30 Teilnehmende (ausser beim ersten, da waren es 60). Diese waren wiederum ganz überwiegend frische Abiturient_innen aus westdeutschen (Klein)Städten ohne Migrationshintergrund.

Diese Workshops waren eine ziemliche Herausforderung (dazu habe ich auch geschrieben). Es war unmöglich alle Teilnehmenden zu erreichen oder Lernerfolge zu festigen. Mir war jedesmal klar, dass viele der Teilnehmenden, meinen Ansatz und die rassismuskritische Kritik blödsinnig fanden. Ich musste einsehen, dass ich mit einem drei Stunden Workshop nur wenig erreichen kann. Mein Lernziel passte ich für den Großteil der abwehrenden Teilnehmenden dementsprechend an: Die Teilnehmenden sollten lernen, dass es eine rassismuskritische Perspektive gibt (auch wenn sie sie blöd finden) und sich im Idealfall später daran erinnern und darauf zurück kommen.

Jetzt mehr als fünf Jahre später habe ich die Rückmeldung, dass das durchaus auch geklappt hat. Zum Semsterende erzählte mir ein_e Studierende_r, dass si_er bei einem meiner Vorbereitungs-Workshops war (in ihrer_seiner Erinnerung war es ein zweistündiger Vortrag und kein Workshop) und es damals völlig abwegig fand, was ich erzählte. Si_er machte sich aber ein paar Notizen über kulturell verankerte Gegensatzpaare wie Natur - Kultur, Körper - Geist, etc. Im Laufe des weltwärts-Jahr in einem afrikanischen Land bemerkte si_er, dass diese Gegensatzpaare tatsächlich hilfreich waren, um zu verstehen, was um sie_ihn herum passierte. Noah Sows Buch "Deutschland schwarz weiß" halft ihr_m dann die eigenen weißen Privilegien besser zu verstehen. Das weltwärts-Jahr bestimmte dann auch ihre_seine Studienwahl. Si_er beschäftigte sich im Studium viel mit Rassismus und entwickelte eine sehr rassismuskritische Perspektive. Als si_er dann meinen Namen im Vorlesungsverzeichnis las, war ihr_m klar, dass si_er daran teilnehmen würde.

Es war wirklich eine nette Überraschung so - in einem ganz anderen Kontext - ein Langfrist-Feedback zu meinen Workshops zu bekommen. Und noch schöner ist es zu hören, dass selbst unter den miserablen Rahmenbedingungen der weltwärts-Vorbereitungs-Workshops tatsächlich Grundlagen für spätere kritische Auseinandersetzungen gelegt werden können.

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Donnerstag, 16. Juli 2015
Gleichberechtigung
Eine Stellenausschreibung von einer Fakultät für Soziale Arbeit. Gesucht wird ein(e) "Wissenschaftliche/-n Mitarbeiter/-n" für den Bereich "„Interkulturalität in der Sozialen Arbeit unter besonderer Berücksichtigung von Gender und Diversity“. Eine volle Stelle, befristet bis Anfang 2020. Für den Wissenschaftsbereich nicht schlecht. In einem thematischen Bereich, in dem besonders Nicht-Cis-Männer engagiert und qualifiziert sind. Und dann steht doch tatsächlich in der Stellenausschreibung:

"An der Ostfalia Hochschule für angewandte
Wissenschaften sind Männer in dieser Entgeltgruppe unterrepräsentiert. Basierend auf dem Niedersächsischen Gleichberechtigungsgesetz (NGG) sind daher Bewerbungen von Männern besonders erwünscht."


Da scheint ein Gleichberechtigungsgesetz, blödsinnig formuliert zu sein. Gleichberechtigung bedeutet ja nicht (bzw. sollte es zumindest nicht), dass auf allen Entgeltstufen in spezifischen Berufen gleich viele Frauen und Männer vertreten sind, sondern dass gegen die strukturelle Diskriminierung von Nicht-Cis-Männern auf allen Stufen vorgegangen wird. Was ist gesellschaftlich dadurch gewonnen, wenn in den frauendominierten Berufsfeldern Männer bevorzugt werden? Die große Anzahl von Frauen in diesen Feldern würde dann abgebaut, wenn die Diskriminierung von Frauen in anderen Feldern abgebaut wird, sie also eine Chance bekommen, auch andere Berufe zu ergreifen und wenn sowohl Frauen wie Männer weniger zu einer geschlechtsspezifische Berufswahl geprägt, gedrängt werden. Nicht-Cis-Männern aber auch noch in den Bereichen, wo sie Anstellungsmöglichkeiten haben, dies zu erschweren, dient sicher nicht der Gleichberechtigung.

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Sonntag, 12. Juli 2015
Krawall produzieren
Die taz berlin hat den Pressesprecher der Berliner Bäderbetriebe Matthias Oloew zu den Berichten über Krawalle im Columbiabad interviewt. Oloew setzt die (RBB-)Berichterstattung in Bezug zu dem Geschehen aus der Perspektive der Bäderbetriebe und kommt zu dem Schluß:

Erstens, die Berichterstattung bauscht Vorkomnisse auf und lässt sie problematischer erscheinen als sie waren. Zweitens, Medien produzieren Probleme. Im konkreten Fall ist der RBB ohne Absprache im Columbiabad erschienen, hat durch seine Präsenz Aufregung produziert und dann auch noch selbst die Polizei gerufen. Drittens, nutzen sie für die Berichterstattung altes Bildmaterial, um zu skandalisieren.

So sind die Medien aktiv daran beteiligt, Probleme zu produzieren, produzieren damit auch rassistische Hetze und sorgen durch ihre "kriminalisierende Berichterstattung" (O-Ton Oloew) weitere Ausgrenzung von bereits ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen.

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Donnerstag, 2. Juli 2015
Ganz Afrika
Ich liege bei meiner Physiotherapeutin auf der Packung. Entspannend. Sie fängt in der Nachbarkabine eine Behandlung an und spricht mit dem Patienten. Einfühlsam und unterstützend wie immer.

Das Problem ist nur, der Patient lässt seinen gesamten Lebensfrust raus. Alles ist zu teuer. Die Geschäfte nehmen einen aus. Zur Kur geht er nach Ungarn, weil es in Deutschland zu teuer ist. Aber zu Silvester essen die seltsame Dinge, das hat ihm nicht gefallen. Und dann kommt noch ganz Afrika und ganz Asien nach Deutschland. Da muss man sich nicht wundern, wenn Asylbewerberheime angesteckt werden. Die Physiotherapeutin ist durchgehend zustimmend.

Meine Entspannung schwindet immer mehr. Ich habe das Bedürfnis aufzuspringen und wegzugehen. Stattdessen mische ich mich ins Gespräch ein. Sage, dass sie aufpassen sollten, weil Asien schon im Raum sei. Ich will nur, dass sie aufhören.

Die Physiotherapeutin fragt nach, wieso Asien, wo ich den herkomme, dass man mir das gar nicht ansieht, wann ich hergekommen bin und dass man meiner Sprache anhört, dass ich hier geboren bin. Dann fangen die beiden ein Gespräch über Indien und wie schlimm das da ist an. Ich widerspreche. Der Patient kommt wieder zurück auf ganz Afrika (ganz Asien lässt er jetzt weg). Ich widerspreche wieder und formuliere jetzt, dass ich mich bei dem rassistischen Reden unwohl fühle. Die Physiotherapeutin weisst jetzt daraufhin, dass der Patient ein Hörgerät hat (Probleme mit Hören gab es allerdings nicht) und beendet sehr bald seine Behandlung.

Als sie dann zu mir kommt, reden wir gar nicht darüber. Sie macht wie gewohnt eine einfühlsame Behandlung.

Vor der Verabschiedung sage, ich dass ich es schwer erträglich fand. Sie verweist auf das hohe Alter des Patienten und das man mit ihm nicht diskutieren könne.

Da hat sie sicher recht. Ich verstehe auch, dass sie bei Behandlungen nicht in Konflikte geht, denn schliesslich geht es um Entspannung. Was ihr aber wohl nicht ausreichend klar ist, dass sie mit diesem Handeln andere Zuhörende sehr anspannen kann.

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Samstag, 27. Juni 2015
Kreuzberger CSD
Kreuzberger CSD 2015


Aus dem Aufruf "Keine pinke Camouflage – Queer bleibt RADIKAL":

"Gemeinsam gehen wir auf die Straße – für ein selbstbestimmtes Leben und für die Emanzipation von einem System, das Menschen ausgrenzt, abschiebt, stigmatisiert, pathologisiert und diskriminiert! Wir lassen uns nicht instrumentalisieren und gegeneinander ausspielen!"

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Freitag, 26. Juni 2015
Staatsangehörigkeit entziehen
Wieder einmal werden Gründe gesucht, Menschen die deutsche Staatsangehörigkeit zu entziehen. Laut taz sollen IS-Kämpfer mit doppelter Staatsangehörigkeit ihren deutschen Pass verlieren.

In einem taz-Kommentar argumentiert Christian Rath, wie diese Regelung weniger der Verhinderung von Terrorismus und mehr der Ausgrenzung von Mehrstaatler_innen dient:

Der drohende Verlust der Staatsangehörigkeit wird niemanden davon abhalten, in den Kampf zu ziehen. IS-Kämpfer machen sich sowieso strafbar. Jenen, die ausschliesslich die deutsche Staatsangehörigkeit haben, kann diese nicht entzogen werden.

Und so schliesst Rath:

"Doch schon vor seiner ersten Anwendung hätte ein derartiges Gesetz kontraproduktive Wirkung. Allen Doppelstaatlern würde mal wieder gezeigt, dass sie Deutsche zweiter Klasse sind und dass ihre Staatsbürgerschaft jederzeit zur Disposition der deutschen Politiker steht."

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