Donnerstag, 21. Dezember 2023
Zur Bedeutung von Navina Sundaram
Vor zwanzig Jahren erzählte mir meine Studentin Navina Khatib, dass sie nach Navina Sundaram benannt worden war. Als ich im Sommer 2023 an einem Text für das Online-Dossier für „Die fünfte Wand“ saß, musste ich daran wieder denken, und daran, wie meine Kollegin Sonja Hegasy bei unserem Fellowship in Delhi in das digitale Archiv gezogen worden war und sich unendlich viele Filme anschaute. Navina Sundaram hat ganz offensichtlich für verschiedene Menschen eine große Bedeutung. Dem wollte ich weiter nachgehen und machte mich auf die Suche nach Personen, die mit Navina Sundaram auf den Bildschirm aufgewachsen sind oder aber nach ihr benannt wurden. Von Sonja wusste ich es schon, bei Nisa Punnamparambil-Wolf hatte ich es mir gedacht und Nadja-Christina Schneider hatte mir kürzlich erzählt, dass sie ihre Tochter nach Sundaram benannt hatte. Meine Studentin war also nicht die Einzige.

Als ich von meiner Idee sprach, gaben mir die Kuratorinnen von „Die fünfte Wand“ Einsicht in unveröffentlichte Korrespondenz von Sundaram. Es war ein Stapel von Briefen junger Eltern, die ihre Töchter Navina nennen wollten, an die Journalistin. Einige brauchten einen Nachweis für das Standesamt, dass dieser Name existierte. Sundaram schickte ihnen eine Kopie ihres Passes. Die meisten aber fragten nach der Bedeutung des Namens. Sundaram erklärte immer wieder, dass dieser von dem männlichen Vornamen Navin stamme, der neu bedeute, und schrieb zum Teil auch, dass ihr Großvater mit dem Zufügen des A am Ende des Namens einen weiblichen Namen geschaffen hatte.

Ich suchte online nach den Navinas aus der Korrespondenz, fand auch ein paar und kontaktierte zwei, allerdings ohne Erfolg. Ich fand aber noch viele weitere: weiße, blonde Navinas und auch andere. Eine davon war Navina Engelage. In einem Facebook-Post hatte sie einen Nachruf auf Sundaram geteilt und diese als ihre Namensgeberin bezeichnet. Sie reagierte sofort und organisierte ein Zoom-Treffen gemeinsam mit ihrer Mutter. Und als Nadja im Gespräch mit mir davon sprach, dass sich ihre Tochter eigene Navina-Vorbilder gesucht hatte und zu diesen die Fußballnationalspielerin Navina Omilade gehörte, wurde ich hellhörig. Ich suchte nach mehr Informationen zu Omilade und als ich las, dass sie 1981 geboren wurde, vermutete ich, dass auch sie nach Sundaram benannt wurde. Damit lag ich richtig, wie mir Omilade per Email bestätigte. Ganz offensichtlich wurden in den 1970ern und 80ern sehr viel mehr Mädchen nach Sundaram benannt, als sie ahnen konnte. Und auch später wurden noch Mädchen nach Sundaram benannt, wie Nadjas Tochter in den 2000ern. Da kamen allerdings auch schon die ersten kleinen Navinas zur Welt, die nach Omilade benannt wurden. Der Name war auf dem Weg ein deutscher zu werden.

Heute muss niemand mehr einen Brief an den NDR schreiben, um die Bedeutung des Namens zu erfahren. Es reicht ein Blick auf die unzähligen Vornamen-Seiten online. Viele der deutschsprachigen Seiten haben Navina im Angebot, bieten Erklärungen des Namens an und verweisen auf verschiedene Prominente mit dem Namen, mal auf Sundaram, mal auf Omilade, mal aber auch auf die Schauspielerin Navina Heyne. Die Auswahl scheint dabei willkürlich, deutlich wird aber, dass Navina als ein für den deutschen Sprachraum angemessener Name gilt. Als Vergleich: Urmila erscheint auf den gleichen Seiten viel seltener, ist also nicht in der gleichen Weise eingedeutscht.

Es gibt also mittlerweile eine Vielzahl von Navinas in Deutschland, die mehr oder weniger Bezug zu Sundaram haben. Wichtig bei der Namensgebung scheint vor allem der Klang und die Bedeutung des Namens zu sein. Hatte ich zum Beginn meiner Recherche noch gedacht, dass sich vor allem Eltern mit einer Migrationsgeschichte für diesen Namen entschieden hatten, musste ich die These bald fallen lassen. Ganz offensichtlich hatten schon in den 1970ern und 1980ern viele Bio-Deutsche, wie die Engelages, Sundarams Namen an ihre Töchter weitergeben. In meiner Auswahl der Gesprächspartnerinnen zeigte sich, dass der Name für diese das Potential haben konnte, sie für globale Ungleichheiten und ihre weißen Privilegien zu sensibilisieren. Navina Engelage reflektierte hierüber ausführlich im Gespräch. Für die interviewten Frauen* mit Migrationsgeschichte, die mit Sundaram aufwuchsen, wiederum war sie gerade auch deshalb bedeutsam, weil sie eine Migrantin war, die selbstbewusst und eloquent im westdeutschen Fernsehen auftrat. Sie eignete sich so für Frauen* mit und ohne Migrationsgeschichte als Vorbild.

Schade, dass Navina Sundaram diese Stimmen nicht mehr hören kann.

Dieser Text und die Video mit meinen Gesprächspartnerinnen finden sich auf der Archivseite Die fünfte Wand. Zum Ansehen muss mensch sich registrieren.

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